ZEIT ONLINE: Herr Binswanger, steuern wir gerade wieder auf eine neue Bankenkrise zu?

Binswanger: Eine aktuelle Gefahr besteht nicht. Es gibt keinen Grund, warum unmittelbar eine Bankenkrise bevorstehen sollte.

ZEIT ONLINE: Skeptiker sehen genügend Anhaltspunkte: Die Konjunktursorgen in China, die niedrigen Rohstoffpreise und die anhaltend niedrigen Zinsen. Alles kein Problem?

Binswanger: Das Wachstum in China und die Rohstoffpreise sind eher kurzfristige und konjunkturabhängige Faktoren, die sich auch schnell wieder ändern können. An den Börsen wird das stark übertrieben. Wenn China nur noch mit 6,5 Prozent statt sieben Prozent wächst, dann hält sich der Einfluss auf die Weltwirtschaft letztlich in Grenzen.

ZEIT ONLINE: Und die niedrigen Zinsen?

Binswanger: Hier sieht es anders aus. Die schon lange andauernde Niedrigzinspolitik der Europäischen Zentralbank wirkt einfach nicht so wie angekündigt. Die EZB schafft es nicht, die Banken zu mehr Krediten an Unternehmen zu bewegen, um so die Realwirtschaft zu stützen. Stattdessen werden mehr Immobilienkredite vergeben. Trotz der Unmengen an Zentralbankengeld, das den Banken durch Wertpapierkäufe zur Verfügung gestellt wird, gelingt es der EZB kaum, die Kreditvergabe und damit die Wirtschaft in Europa anzukurbeln.

ZEIT ONLINE: Und wohin fließt das viele Geld?

Binswanger: Das Geld, welches die Banken für den Verkauf von Wertpapieren an die EZB erhalten, bleibt hauptsächlich auf Guthaben der Banken bei der EZB liegen. Hierbei handelt es sich ja noch nicht um Geld, das tatsächlich in der Wirtschaft für Zahlungszwecke in Umlauf gekommen ist, sondern es entsteht nur zusätzliches Zentralbankengeld in Form von Reserven, also Guthaben der Geschäftsbanken bei der Zentralbank.

ZEIT ONLINE: Geschäftsbanken haben heute doch ohnehin die Möglichkeit, selbst Geld zu schaffen.

Binswanger: Wir haben nach wie vor die Vorstellung, dass Banken das Geld von Sparern einsammeln und dann gegen Zinsen ausleihen an Kreditnehmer. Diese Vorstellung aber ist in unserem heutigen Bankensystem grundlegend falsch. Geld wird geschaffen über Kreditvergabe. Wenn eine Bank entscheidet, dass ein Kunde kreditwürdig ist und ihm das Geld auf seinem Konto gutschreibt, dann steigt in diesem Moment auch die Geldmenge an. Das heißt, die Bank schafft neues Geld. Reserven von der Zentralbank brauchen die Banken erst dann, wenn die Kunden Bargeld beziehen. Und sie müssen zusätzlich die Mindestreserveanforderungen erfüllen.

ZEIT ONLINE: Was passierte mit dem Geld, das neu geschaffen wurde?

Binswanger: Es gibt mehrere Möglichkeiten. Entweder es wird in der Realwirtschaft verwendet, wenn Unternehmen damit beispielsweise ihre Investitionen finanzieren. Das führt dann zu Wirtschaftswachstum. Oder es wird verwendet, um bereits bestehende Güter oder Dienstleistungen zu kaufen – dann ist das Resultat Inflation. Die dritte Variante aber gewinnt immer mehr an Bedeutung: Das Geld wird auf dem Finanzmarkt oder dem Immobilienmarkt ausgegeben und bildet so den Nährboden für neue Spekulationsblasen.

ZEIT ONLINE: Läuft diese Entwicklung nicht schon längst?

Binswanger: Die Zentralbanken wollen mit den niedrigen Zinsen eigentlich erreichen, dass mehr Geld in der Realwirtschaft ausgegeben wird. Typischerweise vergeben die Banken aber genau solche Kredite nur ungern, weil sie aufwändige Abklärungen bedingen und riskant sind. Man muss gerade bei kleinen Unternehmen genau prüfen, wie kreditwürdig sie sind. Am Ende heißt das: viel Aufwand für wenig Ertrag. Immobilienkredite hingegen werden standardisiert vergeben, der Aufwand ist dementsprechend gering. Dieses Dilemma haben die Zentralbanken bis heute nicht gelöst.

Haben wir eine Immobilienblase?

ZEIT ONLINE: Das Problem liegt doch nicht nur bei den Geschäftsbanken. Die Unternehmen müssen Kredite auch nachfragen.

Binswanger: Das stimmt. Trotz der teilweise schon negativen Zinsen wollen viele Unternehmen nicht investieren, weil die Wachstumserwartungen zu niedrig sind. Es lohnt sich nicht, eine neue Maschine zu kaufen, wenn keine Nachfrage nach den damit produzierten Gütern vorhanden ist. Bei innovativen Unternehmen, die ein höheres Risiko nicht scheuen, sind hingegen oft die Banken dagegen zurückhaltend. Solchen Firmen fällt es schwer, einen Kredit zu bekommen. Die Bremswirkung kommt von beiden Seiten.

ZEIT ONLINE: Was wäre ihr Vorschlag, um diesem Dilemma zu begegnen?

Binswanger: Geldpolitik muss in Zukunft spezifischer betrieben werden. Zinsen generell rauf oder runter, das funktioniert nicht mehr. Die Zentralbanken müssen sich die unterschiedlichen Kategorien von Krediten genauer ansehen und dafür beispielsweise unterschiedliche Eigenkapitalanforderungen ansetzen. Wenn etwa Preiserhöhungen oder eine spekulative Blase auf einem bestimmten Gebiet wie Immobilienkrediten zu beobachten sind, müssten entsprechend für diese Kredite die Kapitalanforderungen der Banken erhöht werden.

ZEIT ONLINE: Der Finanzmarkt scheint momentan geradezu abhängig von billigem Geld zu sein. Wie könnte der Weg zu einem normalen Zinsniveau aussehen?

Binswanger: Das ist nicht so einfach. Man hat Angst, das jetzt wieder mühsam in Gang gekommene Wirtschaftswachstum in der EU mit höheren Zinsen abzuwürgen. Außerdem besteht weiterhin die Befürchtung, dass wichtige Schuldner bei höheren Zinsen Probleme bekommen.

ZEIT ONLINE: Haben wir in Deutschland angesichts der enorm gestiegenen Preise schon eine Immobilienblase?

Binswanger: In Deutschland ist der Anstieg der Immobilienpreise noch nicht so ausgeprägt wie teilweise in andern europäischen Ländern. Die Situation ist je nach Region unterschiedlich. In der Schweiz beispielsweise sind die Preise bis 2015 stark gestiegen, und es wurde dort verschiedentlich von einer spekulativen Blase gesprochen. Sollten die Zinsen aber weiterhin derart niedrig bleiben, wird noch mehr Geld auf den Immobilienmarkt fließen. Die Folgen sind dann auch im Euroraum steigende Immobilienpreise. Die Inflation verlagert sich weg von Güter- und Dienstleistungspreisen hin zu Immobilienpreisen.

ZEIT ONLINE: In der Schweiz gibt es eine Bürgerinitiative, die die Finanzbranche reformieren will, indem Banken auf das sogenannte Vollgeld-System umstellen sollen. Was bedeutet das?

Binswanger: Es soll nur noch Geld in Umlauf kommen, das die Zentralbank geschaffen hat. Auch das Buchgeld soll also in Zukunft von der Zentralbank kommen. Die Geschäftsbanken müssten dann tatsächlich entsprechend zuerst Ersparnisse bekommen, damit sie Kredite vergeben könnten.

ZEIT ONLINE: Wie begründet sich die Skepsis gegen das bestehende System?

Binswanger: Es geht darum, den Einfluss der Zentralbanken auf die Geldschöpfungstätigkeit wieder herzustellen. Seit der Finanzkrise im Jahr 2008 und durch die vielen Nothilfen haben die Banken dermaßen viele Reserven angehäuft, dass sie auf die Zentralbanken gar nicht mehr angewiesen sind. Normale Geldpolitik findet seither nicht mehr statt und die EZB hat de facto kaum mehr Einfluss auf die Geldschöpfung der Geschäftsbanken. Dieser Einfluss besteht nur solange, wie die Geschäftsbanken für die Geldschöpfung auf weitere Reserven von der Zentralbank angewiesen sind. Und natürlich ist Geldschöpfung für die Banken lukrativ, weil sie das Geld ohne Ressourcen aus dem Nichts schaffen, aber dafür Zinsen bekommen. Dies setzt immer wieder Anreize, zu viel Geld zu schaffen, was dann zu spekulativen Blasen und Finanzkrisen führt.

ZEIT ONLINE: Wie bestimmt man in einem solchen Vollgeldsystem, wie viel Geld überhaupt in Umlauf kommt?

Binswanger: Die Zentralbank oder die neue Monetative ist dann dafür verantwortlich. Allerdings stellt sich die Frage, wie diese Institution entscheidet, um wie viel die Geldmenge in einem bestimmten Zeitraum zunehmen soll. Soll die Geldmenge um zwei oder drei Prozent steigen? Was entspricht tatsächlich einer dem Gemeinwohl dienenden Geldversorgung? Solche Fragen dürften der dann mit noch mehr Macht ausgestatteten Zentralbank erhebliches Kopfzerbrechen bereiten. In der Realität wird die Initiative in der Schweiz wohl an der Urne scheitern. Aber sie ist wertvoll, weil sie wichtige Diskussionen zur Rolle des Geldes und der Geldschöpfung in der heutigen Wirtschaft auslöst.