Schlange stehen von dem Lageso in Berlin © Fabrizio Bensch/Reuters

Berlin ist hip. Trotz der chronischen Unterfinanzierung, der hohen Arbeitslosigkeit und dem aus süddeutscher Perspektive unzureichenden Arbeitsethos. Vielleicht sogar genau deswegen: Prekarität war das Aushängeschild der Hauptstadt. Seit einigen Jahren kippt die Stimmung. Über das Milliardengrab Flughafen wird offen gespottet und spätestens mit dem Lageso-Desaster ist Ineffizienz nicht mehr sexy.

Die Entwicklung dort ist dramatisch: Menschen müssen hungern, weil das Landesamt das Essensgeld nicht auszahlt. Dabei ist genug Geld da – nur niemand, der es weitergeben könnte. Das ist das Tragische an der Lageso-Katastrophe. Aber liegt das wirklich daran, dass Berlin plötzlich von der Flüchtlingskrise überrascht wurde, wie so oft erklärt wird? Mitnichten, schon seit Jahren arbeiten Berliner Institutionen in Notstandsbesetzung. Ob bei der Polizei, in Bürgerämtern, in Schulen, Krankenhäusern oder beim Finanzamt – überall fehlt es an Personal. Das beeinträchtigt nicht nur erheblich die Leistungsfähigkeit von Behörden, sondern belastet auch die Beschäftigten des Öffentlichen Dienstes.

Mit kosmetischen Korrekturen ist die Verwaltung nicht zu retten

"Kriminalität wird vielfach nur noch verwaltet", heißt es von der Polizeigewerkschaft (GdP). Der Personalmangel drückt die Erfolgsquote laut GdP auch bei Ermittlungen gegen die organisierte Kriminalität. Und auf den Straßen sieht man schon lange nur noch wenige Streifen. Polizisten, die einfach nur präsent und nicht schon im Einsatz sind.

Bei Bürgerämtern müssen Bürger so lange auf einen Termin warten, dass dort sogar rund ein Jahr lang mit den begehrten Terminen gehandelt wurde. Bis vor Kurzem konnte man über eine Internetplattform einen Behördengang innerhalb von fünf Tagen für 25 Euro buchen, für 45 Euro sogar innerhalb von 48 Stunden, statt monatelang zu warten. Die Bürgerämter erkannten die Not der Bürger und reagierten. Sie entzogen der Geschäftsidee die Grundlage: Kurzfristig freiwerdende Termine werden nur noch angeboten, wenn sie mehr als fünf Tage in der Zukunft liegen.

Der Geschäftemacherei ist damit vorerst ein Ende gesetzt, der Not aber noch lange nicht. Der Lösungsansatz ist bezeichnend für die Verwaltung der Stadt: Es werden nur ein paar Symptome beseitigen, statt wirklich die Ursachen anzugehen.

Wie wenig weitsichtig diese Politik ist, zeigt auch der Blick aufs Finanzamt. Verglichen mit Lageso oder Bürgerämtern herrscht hier Ordnung. Und dennoch stehen die Mitarbeiter unter einem erheblichen Druck. Das hat Konsequenzen, für kleine Steuerzahler, für große Unternehmen und nicht zuletzt für den Berliner Haushalt.