Wenn US-Amerikaner jemanden besonders sympathisch finden, dann nennen sie ihn, was für deutsche Ohren zunächst einmal etwas befremdlich klingt, einen "Mensch". Ein Mensch ist weise und gütig, manchmal ein wenig schroff, aber letztlich immer selbstlos. Als Mensch befunden zu werden ist also eine besondere Ehre und kein amerikanischer Präsidentschaftskandidat hat sich dieses Kompliment so lang und so hart erarbeitet wie Bernie Sanders. Hillary Clinton, die noch vor ein paar Monaten als unausweichliche Präsidentschaftskandidatin der Demokraten galt, hat er bei den Vorwahlen in New Hampshire auch aufgrund seiner unbestrittenen Aufrichtigkeit so klar besiegt.

Dass es Sanders in seiner langen Karriere immer um die gute Sache ging und nicht etwa um die eigene Karriere oder das eigene Bankkonto, bezweifelt kaum jemand. Er nahm 1963 am Marsch auf Washington teil, wo Martin Luther King seinen berühmten Traum verkündete. Er beteiligte sich an einem Protest gegen die Rassentrennung an einer öffentlichen Schule in Chicago, und wurde dabei sogar verhaftet. Von den Zentren der Macht hielt er selbst dann noch Abstand, als er in immer höhere Ämter aufstieg. Ob als Bürgermeister von Burlington, als Abgeordneter im Repräsentantenhaus oder gar als Senator: Sanders verzichtete auf Geld von großen Firmen, zeigte Lobbyisten die kalte Schulter und wetterte unbeirrt gegen den Einfluss der Reichen und Mächtigen.

Seine Botschaft hat sich in all den Jahren kaum verändert. Sanders beklagt sich über die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich. Er macht dafür die "Klasse der Milliardäre" verantwortlich. Und er sieht die Lösung in einer groß angelegten Ausweitung des Wohlfahrtstaates – von einer allgemeinen staatlichen Krankenversicherung bis zu kostenlosen Universitäten.

Sanders bricht mit Tabus

Der Kontrast zu Hillary Clinton ist dabei nicht nur inhaltlich, sondern auch ästhetisch gewaltig. Clintons Kandidatur ist bis ins kleinste Detail durchgeplant, wie ihre Frisur und Kleidung gestylt. Manchmal scheint es, als richte sich jede ihrer Aussagen nach den letzten Umfragen, und als sei jede ihrer Bewegungen mit einem kleinen Stab von PR-Experten abgestimmt. Ja, als Sanders im Herbst unverhofft zu einem ernsthaften Konkurrenten mutierte, verkündete ihre Kampagne der New York Times stolz ihre neue Strategie: Hillary, so ließen ihre Topberater verlautbaren, habe sich nach langer Überlegung dazu durchgerungen, fortan ganz spontan aufzutreten.

Sanders dagegen verweigert sich ostentativ den Spielregeln der Medienberater. Eigenschaften, die bei anderen Politikern lächerlich erscheinen würden, gereichen seinen jungen Anhängern deshalb zum Beweis für seine moralische Reinheit. Sein ungekämmtes Haar zeugt für sie nicht etwa von einem Mangel an Coolness, sondern von seiner Tugendhaftigkeit. Selbst seine Selbstbezeichnung als "demokratischer Sozialist" zeugt nicht etwa davon, wie stark er sich von durchschnittlichen Amerikanern unterscheidet, sondern stellt seine Distanz zum verhassten politischen Betrieb in Washington unter Beweis.

US-Wahl - Sanders geht auf Afroamerikaner zu Der Clinton-Konkurrent Bernie Sanders versucht, seine Wählerbasis im demokratischen Lager zu erweitern. Dazu traf er Al Sharpton, einen der prominentesten afroamerikanischen US-Bürgerrechtler in einem Restaurant im New Yorker Stadtteil Harlem.

Dieser Bruch mit den eingespielten Ritualen der amerikanischen Politik und gerade des Wahlkampfs machen Sanders — auch hierzulande — ungemein populär. Die europäische Sicht auf die USA ist fast immer manichäisch: das Land verkörpert sowohl die Freiheit als auch die Tyrannei, sowohl Lichtfiguren wie Franklin D. Roosevelt und John F. Kennedy als auch Feindbilder wie George W. Bush. Die Gewinner der Vorwahlen in New Hampshire fordern diese Rollenverteilung geradezu für sich ein: Donald Trump verkörpert das Amerika der Ignoranten und der Intoleranten, Bernie Sanders das Land der Weltoffenheit und der Chancengleichheit. Es wäre also verlockend, Sanders zum erkorenen Retter des guten Amerikas hochzustilisieren.

Aber ganz so einfach ist es nicht. Viele bezweifeln, dass er etwas bewirken kann und befürchten gar, dass seine Kandidatur einen hartgesottenen Konservativen ins Präsidialamt katapultieren könnte. Dafür gibt es zwei Hauptgründe: Erstens hat Sanders keine realistische Chance, ins Weiße Haus einzuziehen. Und zweitens würde selbst ein Präsident Sanders es kaum schaffen, wichtige Reformen gegen die republikanische Mehrheit durch den Kongress zu bringen.

Als Barack Obama und Hillary Clinton vor acht Jahren von der Demokratischen Partei für das Präsidentenamt nominiert werden wollten, gaben über 35 Millionen Amerikaner ihre Stimme für einen der beiden Kandidaten ab. Vorwahlen sind also echte Massenveranstaltungen. Und doch nimmt nur ein Bruchteil aller Wahlberechtigten an ihnen teil. Als Obama im Herbst 2008 gegen John McCain antrat, gaben viermal so viele Amerikaner ihre Stimme ab: fast 130 Millionen. Darüber hinaus sind diejenigen Amerikaner, die an den Vorwahlen teilnehmen, politisch radikaler als die Gesamtbevölkerung. In der Geschichte Amerikas kommt es deshalb immer wieder vor, dass Demokraten oder Republikaner einen Kandidaten nominieren, der die Parteibasis verkörpert, der im Herbst dann einen denkbar schweren Stand bei den Wählern hat.