Ein polnischer Delikatessenladen in London © REUTERS/Agnieszka Flak

ZEIT ONLINE: Herr Brücker, der britische Premier David Cameron will Sozialleistungen für zugewanderte EU-Bürger beschränken. Es geht ihm dabei vor allem um die osteuropäischen EU-Länder. Nutzen die Menschen tatsächlich das britische Sozialsystem aus?

Herbert Brücker: Nein. Die Arbeitslosenquote und damit auch der Leistungsbezug der Menschen aus den acht neuen EU-Mitgliedstaaten sind nicht höher als in der britischen Bevölkerung. Das Renten- und Gesundheitssystem wird in Großbritannien außerdem über Steuern finanziert. Studien belegen, dass der Sozialstaat in Großbritannien von der Zuwanderung aus den neuen Mitgliedsländern wie auch aus anderen EU-Staaten profitiert.  

ZEIT ONLINE: Wie das?

Brücker: Das größte soziale Umverteilungssystem sind die Rentenversicherungen. Auch über das Gesundheitssystem wird mehr Geld umverteilt als etwa über Sozialhilfe oder Arbeitslosengeld. Die Renten- und Gesundheitssysteme verteilen vor allem von den jüngeren Menschen zu den älteren um. Durch den demografischen Wandel werden die jüngeren aller Voraussicht nach auch über den Lebenszyklus weniger herausbekommen, als sie bezahlen. Darum profitieren das Renten- und Gesundheitssystem erheblich von der Zuwanderung junger Menschen.

ZEIT ONLINE: Einige britische Zeitungen behaupten, die Menschen kämen nur, um in das Sozialsystem einzuwandern.

Brücker: In Großbritannien gibt es zum Teil eine nicht ganz faire Berichterstattung über die Zuwanderung. Die Wahrheit ist eine andere: Es kommen besonders viele Migranten nach Großbritannien, weil Steuern und Abgaben zur Finanzierung der Sozialkassen in Großbritannien relativ gering sind – im Vergleich zu den skandinavischen Ländern, aber auch zu Deutschland. Natürlich sind die Leistungen auch entsprechend niedriger. Aber weil weniger in die altersbezogenen Systeme einbezahlt werden muss, ist es für junge Migranten günstiger, nach Großbritannien zu wandern als etwa nach Skandinavien oder Deutschland. Die Briten profitieren unter dem Strich von der Zuwanderung aus der EU, weil die Migranten mehr einbezahlen, als sie an Leistungen erhalten.

Die einfache Gleichung "mehr Umverteilung durch den Sozialstaat bedeutet mehr Migration" stimmt nicht.
Herbert Brücker

ZEIT ONLINE: Hohes Kindergeld oder Sozialhilfe sind keine Anreize, in ein anderes Land einzuwandern?

Brücker: Sicher, Sozialleistungen beeinflussen die Wanderungsanreize. Aber die Empirie zeigt, dass die einfache Gleichung "mehr Umverteilung durch den Sozialstaat bedeutet mehr Migration" nicht stimmt. Großbritannien und Irland haben etwa gleichzeitig mit Schweden im Jahr 2004 für die neuen EU-Mitgliedstaaten ihre Arbeitsmärkte geöffnet – ohne Übergangsfristen. Viel weniger Menschen gingen nach Schweden als nach Großbritannien und Irland – nicht nur absolut, sondern auch pro Kopf. Und das, obwohl Schweden ja wirklich näher an Polen liegt und die Sozialleistungen dort deutlich höher als in Großbritannien oder Irland sind.

ZEIT ONLINE: Es können aber eben mehr Menschen Englisch als Schwedisch.

Brücker: Aber wenn man glaubt, dass Sozialhilfe und Arbeitslosengeld vor allem Migranten locken, dann hätten all diese Menschen nach Schweden gehen müssen. Das ist aber nicht passiert. Ein wichtiger Grund ist: Die Steuern und Abgaben sind in Schweden sehr viel höher, und die Migranten profitieren davon als junge Menschen nicht genauso wie der Bevölkerungsdurchschnitt.

ZEIT ONLINE: Dann ist es also nur Populismus, der Cameron antreibt?

Brücker: Cameron folgt einer Stimmung in Großbritannien, die sich seit der Finanzkrise gegen die Migration aus den neuen EU-Mitgliedstaaten richtet. Die Begründung, dass der britische Sozialstaat unter dieser Migration leide, ist aber nicht stichhaltig. Das Gegenteil ist der Fall.

 ZEIT ONLINE: Aus welchen Ländern kommen die Zuwanderer?

Brücker: Die meisten stammen aus Polen, gefolgt von Lettland und Litauen. Sehr viel weniger Zuwanderer kommen aus Estland, Ungarn und Tschechien. Bei Bulgarien und Rumänien hat Großbritannien sehr lange Übergangsfristen in Anspruch genommen, bis der Arbeitsmarkt für sie komplett geöffnet wurde. Im Vergleich zur Zuwanderung aus den Staaten der ersten Osterweiterungsrunde ist die Zuwanderung aus diesen Ländern deshalb gering.