Eine gigantische Statue des Staatsgründers und Revolutionsführers Mao Zedong zwischen Feldern eines kleinen Dorfs in der Provinz Henan. Mao hatte einst auch schon einmal den "Großen Sprung" angekündigt, von der Agrarwirtschaft in die Industrie. Er kostete Millionen das Leben. © China Stringer Network/Reuters

Nachdem die Medien jahrelang bewundernd-ängstlich über das chinesische "Wirtschaftswunder" und die aufsteigende "Großmacht China" berichtet haben, scheint in den letzten Monaten die entgegengesetzte Perspektive in Mode gekommen zu sein. In zunehmend hysterischem Ton wird nun über einen anstehenden oder bereits in vollem Gange befindlichen Kollaps Chinas spekuliert. Und weil das noch nicht an Horror reicht, wird dann auch gleich der Zusammenbruch der Weltkonjunktur als zwangsläufige Begleiterscheinung herbeifantasiert.

Sicher ist es sinnvoll, sich Gedanken zu machen über die Tragfähigkeit des chinesischen Wirtschaftsmodells und die konjunkturellen Interdependenzen der mittlerweile tatsächlich größten Volkswirtschaft der Erde (gemessen in Kaufkraftparitäten) mit dem Rest der Welt. Was aber sicher nicht angebracht ist, ist Panik. Die chinesische Volkswirtschaft ist derzeit nicht dabei, zu kollabieren, und die Weltkonjunktur wird sicher nicht von der – nach wie vor dynamisch wachsenden – chinesischen Volkswirtschaft zum Abbruch gebracht.

Tatsache ist, dass das "System China", das seit 1978 augenscheinlich so erfolgreich die heimische Volkswirtschaft entwickelt und in die Weltwirtschaft integriert, die soziale Stabilität des Milliardenvolkes gewahrt und den Herrschaftsanspruch der Kommunistischen Partei gesichert hat, derzeit mit all den versteckten Kosten und Unterlassungssünden konfrontiert wird, die es im Verlauf seiner bisherigen 35-jährigen Erfolgsgeschichte unter den Teppich gekehrt hat. Die ökologischen Schäden der Boomjahre sind immens; das politisch-administrative Regime ist von Korruption durchzogen; systematische Einkommensungleichverteilungen haben zur Entstehung einer neuen, zunehmend konfrontativen Klassengesellschaft geführt; und das bisherige ökonomische Modell nachholenden Wachstums erweist sich als ungeeignet zur Bewältigung der Herausforderungen der Ära "Industrie 4.0".

Tatsache ist auch, dass genau diese Herausforderungen derzeit mit erheblichem Einsatz angegangen werden, um ein neues "System China 2.0" zu schaffen, das den Herausforderungen des fortschreitenden 21. Jahrhunderts gewachsen ist. Dieses Bestreben, auf mehreren Ebenen gleichzeitig eine grundlegende Neuorientierung umzusetzen, führt zwangsläufig zu Strukturbrüchen und ruft Konflikte hervor zwischen den Gewinnern und den Verlierern dieser Veränderungen. Die Zeiten einfachen Wachstums und harmonischer Entwicklung sind erst mal vorbei. China befindet sich jenseits der ausgetretenen Pfade der Vergangenheit und muss sich nun in unbekanntem Gelände neu organisieren und beweisen.

Dass in einem derartigen Kontext die Wachstumsdynamik zurückgeht, ist letztlich unvermeidbar. Im Zusammenhang mit dem strukturellen Umbau der Volkswirtschaft wirken derzeit gleich mehrere Faktoren dämpfend auf das Wachstum: 1. Erstmals seit vier Jahrzehnten schrumpft die Anzahl der zur Verfügung stehenden Arbeitskräfte. Der Pool an Erwerbsfähigen hat vor Kurzem sein Maximum von einer Milliarde Menschen erreicht und befindet sich nun – demografisch bedingt – unaufhaltsam im Schrumpfen. Dadurch wird Arbeit teurer und insbesondere exportorientierte Geschäftsmodelle mit geringer lokaler Wertschöpfung verlieren ihre Wettbewerbsfähigkeit und müssen aus dem Markt ausscheiden.

Das nachholende Wachstum ist vorbei

2. Nach Jahrzehnten nachholenden Wachstums hat die chinesische Wirtschaft ein Entwicklungsniveau erreicht, in dem dieses Modell nicht mehr fortgesetzt werden kann. Nachholendes Wachstum bedeutet letztlich das Kopieren und Adaptieren von als erfolgreich erprobten Produkten, Technologien, Institutionen und Geschäftsmodellen aus entwickelteren Volkswirtschaften insbesondere des Westens. Nun aber hat die chinesische Wirtschaft einen Grad der Reife und Komplexität erreicht, der eine Übernahme von Fremdem immer schwieriger macht. An deren Stelle soll die eigenständige Konzeption und Umsetzung von Neuem treten. Dies aber verlangt andere Formen von Kreativität und Unternehmertum wie auch neue Formen der Interaktion zwischen Unternehmen sowie Unternehmen und Staat.

3. Dank einer exorbitant hohen Spar- und Investitionsquote ist es China in den vergangenen Jahrzehnten gelungen, sehr schnell die Infrastrukturausstattung und den Kapitalstock der Wirtschaft an die sich ändernden Bedürfnisse von Unternehmen und Gesellschaft anzupassen. In den letzten Jahren sinkt die Produktivität neuer Investitionen allerdings dramatisch, erhebliche Ressourcen sind in den Aufbau von industriellen Überkapazitäten geflossen, die auf absehbare Zeit keine Erträge erwirtschaften werden. Dieser Fehlentwicklung kann aktuell nur durch eine Stärkung des Binnenkonsums entgegengetreten werden, das heißt die Verschiebung der Produktionsleistung der Industrie von Kapitalgütern hin zu Konsumgütern. Dies aber verlangt den Aufbau neuer Zulieferketten und Industriestrukturen, die nicht über Nacht geschaffen werden können, sondern mit der sich verschiebenden Nachfrage wachsen müssen.