Man kennt es eigentlich nur von Prominenten, dass jemand permanent im Hotel lebt. Gelegentlich betten auch Großkopferte der Wirtschaftsszene ihr Haupt täglich auf Hotelkissen. Leben im Hotel, das muss man sich leisten können.

Die Stadt Berlin erwägt das Leben im Hotel nun auch für 10.000 Geflüchtete. Sie ist mit Betreibern im Gespräch, um etliche Hotels dauerhaft für die Unterbringung von Asylbewerbern anzumieten. Eine Summe von 600 Millionen Euro war für den Mehrjahresdeal im Gespräch, noch gibt es keinen Vertrag. "Unverhältnismäßig" findet die ehemalige Berliner Ausländerbeauftragte Barbara John (CDU) das. Schließlich will der Senat rund 50 Euro pro Nacht und Person ausgeben, heißt es. "Das ist schon ein Luxus, wenn man Flüchtlinge so unterbringt", sagt ein Sozialdezernent, der in einer mittelgroßen Stadt für die Unterbringung von Asylsuchenden zuständig ist und anonym bleiben will.

Ist der Deal, den Berlin auslotet, also der Wahnsinn für die Finanzkasse? Oder ist es die clevere Lösung einer Metropole, die ohnehin wenig Wohnraum für die Bevölkerung hat und langsam nicht mehr weiß, wohin mit den weiter andrängenden Flüchtlingen – während zugleich massenhaft Hotelbetten in der Stadt leer stehen?

Berlin - Schlechte Versorgung von Flüchtlingen in Aufnahmestation Tempelhof 2.000 Flüchtlinge hat der Berliner Senat in den Hangars des ehemaligen Flughafen Tempelhof untergebracht. Doch es fehlt an sanitären Anlagen, weshalb viele Bewohner an Krätze und Durchfallerkrankungen leiden.

Berlin ist auf jeden Fall nicht die einzige Stadt, die Hotelbetten mietet, um die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Auch in Köln lebten zum Jahreswechsel rund 2.500 Asylbewerber in Hotels und Pensionen. In Halle und Dresden ebenso. "Wir haben auch immer wieder Hotels als Notnagel angemietet", heißt es auch im Landkreis Harburg nahe Hamburg. Einzig in München winken die Verantwortlichen ab: In Bayern seien die Hotels zu jeder Jahreszeit so gut belegt, dass hier gar kein Platz sei für zusätzliche Übernachtungsgäste.

Der Hotel- und Gaststättenverband Dehoga weiß, dass "immer wieder Häuser angesprochen werden", ob sie nicht Flüchtlinge aufnehmen könnten. "Es ist ja auch klar, dass die Hotels gefragt werden: Die Infrastruktur ist da und die Stadt muss nicht groß investieren", sagt Stefanie Heckel vom Dehoga Berlin. Dem Berliner Hotelmarkt jedenfalls schade es nicht, wenn 10.000 Betten anderweitig genutzt würden. Im Klartext: Hier gibt es ausreichend Häuser, die der Tourismus allein gar nicht füllen kann.

Hotels nur zu 60 Prozent ausgelastet

Und das wird für sehr viele Häuser hierzulande gelten: Im Schnitt, so sagen die Zahlen des Verbands, haben deutsche Hotels nur eine 60-prozentige Auslastungsquote übers Jahr gesehen. 40 Prozent der Betten sind also dauerhaft unbelegt. Vor allem in einigen Regionen abseits der großen Städte und der beliebtesten Ferienregionen wie Nordsee, Alpen oder Allgäu. Für manche davon wäre es ein gutes Geschäft, einen Vertrag mit der Kommune zu unterzeichnen, die zwischen 35 und 50 Euro pro Bett und Tag verspricht und dazu noch eine Belegungsquote von 100 Prozent auf mehrere Jahre.


Ob es jedoch für die Betreiber der Hotels unbedingt eine gute Idee ist, darauf einzugehen, dazu will sich der Verband nicht äußern: "Das ist eine wirtschaftliche Entscheidung im Einzelfall." Die Beratungsgesellschaft Treugast tut es sehr wohl. Sie hat errechnet, dass ein Hotelbesitzer bei einem normalen Zimmerpreis von 60 Euro und 60 Prozent Auslastung erheblichen Gewinn machen könnte, wenn er sein Haus als Flüchtlingsheim an eine Kommune vermietet. Selbst bei nur 25 Euro pro Kopf bekäme er 50 Euro pro Doppelzimmer, das macht bei 100 Prozent Auslastung satte 5.100 Euro mehr im Jahr pro Zimmer. Ein mittelgroßes Haus mit 60 Zimmern würde also etwas mehr als 300.000 Euro zusätzlich einnehmen. "Für ein Hotel, das wenig Besucher hat und einen hohen Investitionsstau, das also dringend renovieren müsste, ist es durchaus sinnvoll, so ein Angebot anzunehmen. Den Überschuss kann es später nutzen, um zu sanieren", sagt Michael Lidl, geschäftsführender Partner bei Treugast.