ZEIT ONLINE: Herr Börner, wird Angela Merkel Ende des Jahres noch Kanzlerin sein? 

Anton F. Börner: Ja, davon bin ich fest überzeugt. Sie weiß, wie schwierig die derzeitig doch etwas chaotische Situation ist. Aber Angela Merkel geht konsequent und wohlüberlegt vor. Sie wird die Krise in den Griff bekommen.

ZEIT ONLINE: Die Mehrheit der Deutschen ist da anderer Meinung. Sie sind unzufrieden mit Merkels Flüchtlingspolitik. 33 Prozent glauben laut einer Umfrage sogar, dass Angela Merkel deshalb vorzeitig ihr Amt aufgeben sollte.

Wir dürfen Schengen nicht aufgeben
Anton Börner

Börner: Das kann schon sein. Aber was würde mit einem Rücktritt erreicht? Die Flüchtlingskrise wäre damit nicht gelöst. Angesichts der Komplexität der Krise gerät die politische Kommunikation an ihre Grenzen, das ist den Menschen nur schwer vermittelbar.  In der Flüchtlingskrise spielen die lokale, die Länder-, die nationale, die europäische und die weltpolitische Ebene eine Rolle. Das zu managen ist eine Herkulesaufgabe und funktioniert nicht in wenigen Wochen.

ZEIT ONLINE
: Viele Bürger wollen, dass Deutschland eine Obergrenze für Flüchtlinge einführt. Warum wäre sie so falsch?

Börner:
Selbst wenn man das Grundgesetz kurz außer Acht ließe, sind wir völkerrechtlich gebunden. Wir haben uns verpflichtet, Menschen zu helfen, die aus Kriegsgebieten kommen. Das steht auch so in den Europäischen Verträgen. Was machen wir mit den Flüchtlingen an unserer Grenze, wenn wir die Obergrenze erreicht haben? In einem Rechtsstaat, der sich gewissen Werten verpflichtet fühlt, ist eine Obergrenze nicht möglich.

ZEIT ONLINE:
Die Grenzen zu schließen, ist für Sie keine Option? Schweden hat es bereits getan.

Börner: Wenn ein EU-Land nach dem anderen seine Grenzen schließen würde, käme das einem Rückfall zuerst in den Nationalismus und dann in Protektionismus gleich. Die Folgen für die europäische Wirtschaft wären gravierend. In Deutschland würde die Arbeitslosigkeit wieder steigen, mittelfristig wäre unser Rentensystem nicht mehr finanzierbar. Sicher müssen wir die Außengrenzen der EU besser schützen. Aber wir dürfen Schengen nicht aufgeben!

ZEIT ONLINE:
EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker meint, fällt Schengen, fällt auch der Euro. Ist die ganze Aufregung nicht ein wenig übertrieben?

Börner: Die deutsche Wirtschaft transportiert jedes Jahr Waren im Wert von etwa 1.200 Milliarden Euro über die Schengen-Grenzen. Die italienische Wirtschaft beispielsweise lebt fast ausschließlich davon, dass sie ihre Waren im Norden Europas verkaufen kann. Wenn wir die Grenzen dichtmachen, geben wir ein Geschäftsmodell auf, das wir 30 Jahre lang aufgebaut haben und einer der Grundpfeiler für den Wohlstand in Europa ist. Just-in-time wäre damit vom Tisch. Wir müssten drei bis vier Tage einkalkulieren für einen Lkw, der Waren von Norditalien nach Deutschland liefert. Europa ist einfach extrem vernetzt. Wenn wir die Grenzen dichtmachen, würde das deshalb auch den Euro erheblich unter Druck setzen.

ZEIT ONLINE: In Brüssel dominieren nationale Interessen. Eine europäische Lösung der Krise ist nicht in Sicht.

Börner: Ich halte eine europäische Lösung immer noch für möglich. Mateo Renzi, François Hollande, Mariano Rajoy, Alexis Tsipras: Alle wissen, dass es nur europäisch gehen wird. Selbst David Cameron hat kein Interesse daran, dass die Europäische Union zerbricht. Dann stünden wir wieder da, wo wir am Ende des 19. Jahrhunderts schon einmal waren.