Triantafilos Vlahos hält ein Megafon in der Hand. "Nein zum Flüchtlingslager!", ruft er. "Wir sind keine Rassisten, aber wir können uns keine Abwertung unserer Region leisten." Der Verwaltungsangestellte lebt in Diavata, einem kleinen Ort in einer strukturschwachen Region westlich der nordgriechischen Metropole Thessaloniki. Die Stimmung auf der Demonstration ist aggressiv, einige Protestler aus dem Dorf zünden Rauchbomben. "Baut Schulen und Spielplätze, nicht Lager und Gefängnisse", haben sie auf Plakate geschrieben.

Seit Tagen hat sich die Lage in Diavata zugespitzt. Nur 70 Kilometer sind es von hier bis zur mazedonisch-griechischen Grenze. Die Polizei hat am vergangenen Samstag eine alte Kaserne geräumt, um dort ein Umsiedlungszentrum für 4.000 Flüchtlinge zu errichten. Sechs Tage lang hatten Anwohner das Gelände besetzt und sich gegen das neue Flüchtlingsheim gewehrt.

"Wir wollen nicht noch mehr Probleme"

Zwar sind viele von ihnen selbst Nachkommen von Flüchtlingen, die 1922 von der türkischen Küste übersiedelten. Das aber ist aus ihrer Sicht längst Geschichte. Die aktuellen Flüchtlinge sind in der Region nicht willkommen. "Wir wollen nicht noch mehr Probleme", sagt Vlahos. In Diavata gebe es eine Ölraffinerie, das Gefängnis von Thessaloniki und ein Roma-Ghetto. Die Luftqualität sei schlecht, die Böden verschmutzt. "Sie sollen das Flüchtlingslager in einer anderen Gegend der Stadt errichten", sagt Vlahos. Tatsächlich liegt ein chemischer Gestank in der Luft.

Fluchtrouten - Flüchtlinge und die Schleuserindustrie 2015 haben nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen über eine Millionen Flüchtlinge Europa erreicht. Die meisten von ihnen sind angewiesen auf Schleuser, die ihnen einen Platz auf einem Boot oder Transporter vermitteln.

Es ist eine gefährlicher Mix, der sich hier zusammenbraut: Unmut über die aktuelle wirtschaftliche Lage, Frust über die Lokalpolitik. Dazu kommt der Verdacht der Anwohner, dass die Umsiedlung von Flüchtlingen in ihr Dorf auf Dauer angelegt sein könnte und dass gar die Kriminalitätsrate steigen werde.

Der Bürgermeister wird geschlagen

Mimis Fotopoulos, der Bürgermeister der Region, versucht, diesen Ängsten entgegenzutreten. Er gilt als moderat. Auf der Kundgebung sagt er, er habe der Regierung sechs verschiedene Standorte für die Flüchtlingsunterkunft vorgeschlagen. Das aber erbost die Demonstranten nur noch mehr. Sie greifen ihn an, schlagen auf ihn ein und rufen: "Du bist ein Betrüger, gib dein Amt auf!"

Im Dorf Diavata westlich von Thessaloniki demonstrieren Anwohner gegen eine Flüchtlingsunterkunft. © Kostas Koukoumakas

Die Regierung will noch in dieser Woche Flüchtlinge in der alten Kaserne unterbringen. Niemand kann voraussagen, wie die Anwohner dann reagieren werden. Zumal sich die Lage hier, im Norden Griechenlands, noch zuspitzen könnte. Die Regierung im Nachbarland Mazedonien lässt zurzeit einen doppelten Zaun an der Grenze zu Griechenland hochziehen. Die Sorge, dass Tausende Menschen dann hier im Grenzgebiet bald stranden werden, wird immer realer.

Premier Alexis Tsipras steht wohl vor der bislang schwierigsten Periode seiner Amtszeit. An vielen Orten im Lande wehren sich seine Landsleute gegen Flüchtlingsunterkünfte, ob in Diavaa, auf der Insel Kos oder in Shisto bei Athen. Zugleich hat der Sparkurs der Regierung das Land fest im Griff, die Wirtschaft liegt am Boden. Fast jeder vierte Grieche ist arbeitslos, jeder dritte lebt unter der Armutsgrenze. 2,5 Millionen Menschen sind nicht versichert.