Wenn man einen Augenblick nicht aufpasst im Ortskern von Freilassing und an einer der Kreuzungen falsch abbiegt, ist man in wenigen Sekunden in Österreich. Es sind nur rund 500 Meter bis zur Grenze, direkt dahinter fangen die Außenbezirke von Salzburg an. Auch für Autofahrer ist der Grenzübertritt kein Problem – jedenfalls nicht von Deutschland aus.

Auf der anderen Straßenseite der Bundesstraße B304 bilden sich dagegen tagtäglich lange Staus. Hier kriecht der Verkehr oft nur im Schneckentempo vorwärts. Denn auf der Brücke über die Saalach, die Salzburg von Freilassing trennt, kontrollieren deutsche Grenzpolizisten jedes Fahrzeug. Sie schauen sich die Insassen an und winken die Autos entweder durch oder ziehen sie aus dem Strom heraus. Sie wollen verhindern, dass Flüchtlinge hier unbemerkt von Österreich aus in die Bundesrepublik einreisen. An dieser Stelle, im südöstlichsten Zipfel Bayerns, ist Deutschlands Grenze wieder dicht. Und es ist nicht die einzige Stelle zurzeit.

Feriengäste müssen warten

Auch knappe 100 Kilometer weiter südwestlich, zwischen Kufstein und Kiefersfelden, hat die Grenzpolizei sich mitten auf der Inntal Autobahn postiert, um sämtliche Einreisende nach Deutschland in Augenschein zu nehmen. Das ist besonders an Wochenenden eine schier nicht enden wollende Arbeit. Denn von freitags bis sonntags rollen nicht nur die üblichen Pendler, Geschäftsleute und Gütertransporteure über diese beiden Grenzabschnitte, sondern auch Tausende Feriengäste, die in die österreichischen Skigebiete wollen. Dazu noch unzählige Tagesausflügler, die sich von Oberbayern und dem nahen München aus in die Berge aufmachen, und viele Shoppingtouristen, die in den nahen Grenzgebieten einkaufen gehen. Viele Salzburger zum Beispiel lieben die Supermärkte und Läden in Freilassing, in denen Lebensmittel, Drogeriewaren, Haushaltswaren und Spielzeug oft viel billiger ist als in Österreich.

"Sogar aus dem Pinzgau und Pongau kommen die Leute deswegen seit Jahren zu uns", sagt Josef Flatscher selbstbewusst. Er ist Bürgermeister der 17.000-Seelen-Gemeinde Freilassing. Zumindest kamen sie in Scharen bis zum Herbst des vergangenen Jahres. Seitdem ist es erheblich ruhiger geworden in der Stadt. Denn viele Salzburger Wochenendeinkäufer scheuen den Stau an der Grenze, der sich auf der Autobahn und auf der Bundesstraße gleichermaßen aufbaut. Wenn es gut läuft, dann verzögern die Kontrollen die 12-Kilometer-Fahrt zwischen Salzburg und Freilassing nur um wenige Minuten, vielleicht eine Viertelstunde. Zu den Pendler-Stoßzeiten und an Wochenenden kann man jedoch locker eine Stunde und länger einplanen. "Wenn man über die Grenze muss, weil man drüben arbeitet, arrangiert man sich schon irgendwie damit. Das höre ich zumindest von den Pendlern", sagt Flatscher, "aber ob man das freiwillig auf sich nimmt, nur um einzukaufen, überlegen sich viele Leute jetzt zweimal. Und ganz viele antworten: Ich bin doch nicht verrückt!".

Bei Harald Seifert im Euro-Spielzeugmarkt wird gerade Großputz gemacht. Dazu wäre sein Team früher nicht unbedingt mitten am Tag gekommen, aber heute sind kaum Kunden im Laden. Seiferts Kunden kommen nicht nur aus dem Salzburger Land, sondern aus ganz Österreich und er hat schon oft den Satz gehört: "Ich fahre nicht mehr zu euch, das Warten an der Grenze tue ich mir nicht an." Ein Fünftel seines Geschäfts sei seit Herbst weggebrochen, sagt er. Fragt man Walpurga Nitsche, die Marktleiterin im dm-Drogeriemarkt, wie das Geschäft seit den Grenzkontrollen läuft, antwortet sie: "Wir spüren das brutal. Wir verkaufen mindestens 15 Prozent weniger, wenn nicht mehr. Vor allem an Samstagen machen wir bei Weitem nicht mehr den Umsatz, den wir vorher hatten." Dabei ist der dm in Freilassing eine sogenannte Babyfiliale, wie es im Drogeriejargon heißt, und gerade Windeln und Babynahrung brauchen die Menschen doch trotzdem, müsste man meinen. Viele Salzburger kaufen sie aber jetzt in ihren eigenen Märkten, weil die Rechnung zwischen Zeit- und Geldersparnis vor allem bei Familien zugunsten der Zeit ausgeht.

Andere Einzelhändler trifft es noch härter, aber auch Restaurants und Imbisse, die bisher von den Pendlern lebten, die aus Salzburgs Industrievierteln zum Mittagessen über die Grenze düsten. Manche Freilassinger Unternehmen klagen über 40 bis 70 Prozent Umsatzeinbußen. Aber diejenigen, die richtig leiden, wollen das nicht öffentlich tun, weil sie fürchten, dass sonst ihre Klienten oder Zulieferer nervös werden. Vereinzelt hat es schon Entlassungen gegeben oder Mitarbeiter wurden nach Hause geschickt, weil es nichts mehr zu tun gab. Genau erfassen lässt sich der Schwund durch die Kontrollen aber nicht. Zumal der Bezirk der Arbeitsagentur recht groß ist und nicht nur Freilassing umfasst, sondern auch das gesamte Berchtesgadener Land und Bad Reichenhall bis nach Traunstein. Aber Bürgermeister Flatscher rechnet so: "20 Prozent Umsatzeinbußen auf Dauer heißen: von zehn Mitarbeitern müssen zwei gehen."