Gaza ist kein Platz für Träume. Trotzdem hält Mohammed Abu Matar an seiner Vision fest: Er will sein eigenes Unternehmen gründen. Mithilfe seines Laptops produziert der 29-Jährige auf einem 3-D-Drucker unter anderem Schraubenschlüssel und Zahnräder. Mit diesen Gegenständen will er kaputte Maschinen reparieren, statt sie auszumustern. "Ich habe die 3-D-Drucker im Internet gesehen und wollte sie auch in Gaza haben", sagt der junge Mann. Das aber sei aufgrund der Blockade nicht möglich gewesen. Aus diesem Grund organisierte sich Abu Matar die Rohmaterialien selbst, um schließlich einen 3-D-Drucker bauen zu können. Damit will er nun Geld verdienen.

Rund 150 Jungunternehmen gibt es aktuell im Gazastreifen, schätzt die Organisation Startup Grind, die Neugründer weltweit vernetzt. "Der Aufschwung begann 2010 und 2011, und jetzt haben wir ein funktionierendes Ökosystem für Start-ups", sagt Rafat Abuschaban, der Leiter der von Startup Grind in Gaza.

Dabei hat Israel vor rund zehn Jahren den Küstenstreifen aus Angst vor der dort herrschenden islamistischen Hamas abgeriegelt. Militante Palästinenser greifen Israel bis heute regelmäßig mit Raketen an.

Durch die Blockade durften lange beispielsweise keine Baumaterialien wie Beton eingeführt werden. Heutzutage ist diese Regel deutlich gelockert. Menschen zwischen 16 und 35 Jahren dürfen Gaza aber weiterhin nicht verlassen. Ausnahmen sind sehr selten. Regelmäßig fällt für Stunden der Strom aus. Die Arbeitslosenrate liegt unter jungen Menschen bei mehr als 60 Prozent.

2010 hat die Islamische Universität in Gaza deswegen das Projekt Mobaderoon – auf Deutsch "Unternehmer" – gegründet. Es hat zum Ziel, den Absolventen eine Chance zu bieten, sagt Projektleiter Nadel Abdelnaby. Wer eine Idee für ein Unternehmen hat, kann sich bewerben – zuletzt waren es 880 Anfragen für 23 Förderplätze. Das Geld kommt von dem in Kuwait ansässigen arabischen Fonds für wirtschaftliche und soziale Entwicklung. Umgerechnet wurden bisher rund 740.000 Euro für 83 Start-ups bereitgestellt.

Mohammed Abu Matar mit seinem 3D-Drucker ist einer der Teilnehmer von Mobaderoon. "Ich glaube an meine Idee", sagt der studierte Ingenieur. "Aber ohne die Unterstützung von Mobaderoon wäre ich langsamer zum Erfolg gekommen." Neben umgerechnet rund 3.500 Euro Startkapital bekommt er Unterricht in Geschäftsführung und Marketing sowie Kontakte zu erfahrenen Unternehmern. Mittlerweile habe er einen Liefervertrag mit einem Elektronikkonzern, sagt der junge Mann. 

Geld aus Saudi-Arabien

Die größten Probleme bei der Unternehmensgründung für Jasmin Sarsur ergeben sich durch die Blockade. "Das Härteste ist die Instabilität: Elektrizität, Politik", sagt die 32-Jährige. Sie ist Geschäftsführerin von einem Onlinegeschenkeversand im Gaza-Streifen.

Sarsur hat sich bei einem weiteren Programm für Start-Ups beworben: Das Seed Project unterstützt vor allem Menschen, die bereits ein Unternehmen gegründet haben. Das Angebot in Gaza erhält seine umgerechnet rund 133.000 Euro von der in Saudi-Arabien ansässigen Islamischen Entwicklungsbank und dem Entwicklungsprogramm der Vereinten Nationen (UNDP).

Auf Sarsurs Website können seit Juni 2015 Menschen weltweit unter anderem frisch gebackene Kuchen, Früchtekörbe, palästinensische Stickereien und Blumensträuße für Feiern in Gaza bestellen. Ein großes Geschäftsfeld: Amazon zum Beispiel liefert dagegen nach eigenen Angaben nur bestimmte Produkte wie Bücher oder DVDs in den abgeriegelten Küstenstreifen am Mittelmeer. Umgerechnet rund 5.300 Euro haben Sarsur und ihre drei Kolleginnen bisher eingenommen. Das Team erhält nun zudem 6.200 Euro Förderung. "Unser Traum ist es, weltweit tätig zu sein", sagt Sarsur. 

Jeder Dritte hat Erfolg

Auch Chalil Salim will mit Hilfe von Seed sein Start-up mit dem englischen Namen Hope (Hoffnung) ausbauen. Der 28-Jährige möchte seine Arabisch-App für Gehörlose für alle Smartphones anbieten. Nach knapp drei Jahren Arbeit gibt es eine einfache Version bisher nur für Windows-Modelle.

Salims Idee ist eine App, die von Arabisch in Gebärdensprache übersetzt – eine Marktlücke, wie er sagt. Für eine fließende Übersetzung brauche er mehr als 10.000 Wörter in kurzen Videos in Gebärdensprache, bisher seien es 2.700. Investoren zu finden, gestalte sich jedoch schwierig. Einladungen zu Konferenzen im Ausland habe er mehrfach absagen müssen. Die Genehmigungen zur Ausreise hätten zu lange gedauert, erzählt er.

Trotz solcher Anfangsschwierigkeiten müsste statistisch zumindest eines der drei Unternehmen längeren Bestand haben. Die Organisation Startup Grind schätzt, dass rund jeder dritte Jungunternehmer in Gaza erfolgreich ist.