Zu Tausenden reihen sie sich an den neuralgischen Punkten des Landes aneinander. Reifen hinter Reifen, Traktor um Traktor. An 68 Stellen auf Griechenlands Straßen protestieren die Landwirte nun schon seit Wochen. Sie versperren mit ihren Zugmaschinen die wichtigste Autobahn des Landes, die Hauptverbindung zwischen Athen und Thessaloniki, sie blockieren Grenzübergänge und Mautstellen. Für dieses Wochenende planen die Bauern den großen Marsch auf die Hauptstadt. Sie sind wütend auf die Regierung und auf Ministerpräsident Alexis Tsipras.

Einer der Anführer dieser Protestbewegung heißt Kostas Tzelas, ein Bauer aus dem Athener Umland. Er ist groß und kantig, hat buschige Augenbrauen, sonnengegerbte Haut. Immer wieder ist Tzelas in diesen Tagen im griechischen Fernsehen zu sehen. "Wir werden in friedlicher Absicht kommen", ließ er kürzlich wissen. "Aber allein schon aus symbolischen Gründen müssen die Traktoren nach Athen hinein." Doch genau das will die Regierung verhindern. Die Landwirte dürften gerne demonstrieren, teilte sie mit, aber ihre Traktoren müssten sie draußen lassen. Die Polizei ist nun angewiesen, um ganz Athen herum den Bauern den Weg zu versperren. Es läuft auf eine harte, womöglich gewaltsame Konfrontation hinaus.

"Die Bauern haben sich radikalisiert, und sie sind robust in ihrem Vorgehen", sagt Christos Katsioulis, der das griechische Auslandsbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung in Athen leitet. Für Ministerpräsident Tsipras sei dieser Konflikt gerade aber nur einer von mehreren Großlagen, mit denen er zu ringen habe. "Auslöser für die Proteste ist vor allem die anstehende Rentenreform. Sie sieht für Landwirte dreimal höhere Beiträge vor", sagt Katsioulis. Die Maßnahme gehört zu den Hauptforderungen der internationalen Geldgeber, die momentan in Athen überprüfen, wie das dritte Anpassungsprogramm von der Regierung umgesetzt wird. Sollten die Reformbemühungen nicht genügen, werden die zugesagten Kredite nicht ausgezahlt.

Flüchtlinge kommen weiterhin

Tsipras ist eingeklemmt zwischen den Forderungen der Geldgeber und den Ansprüchen der Bevölkerung. Ein bekanntes Phänomen: Den früheren Regierungen in der Schuldenkrise ist das allein schon zum Verhängnis geworden. Für Tsipras aber kommt ein dritter Faktor hinzu: die Flüchtlingskrise. Immer noch setzen täglich Tausende Menschen von der türkischen Küste auf die griechischen Ägäisinseln über und reisen dann nordwärts weiter. Länger schon befürchtet die Regierung, dass der nördliche Nachbarstaat Mazedonien seine Grenze zu Griechenland ganz schließen könnte und die Flüchtlinge in Griechenland festsäßen. Schon jetzt sammeln sich an verschiedenen Orten des Landes immer mehr Flüchtlinge.

"Wir müssen auf alles vorbereitet sein", sagte Vizepremierminister Giannis Dragasakis an diesem Mittwoch. Wenn Mazedonien die Grenze schließen sollte, müssten die erforderlichen Infrastrukturen fertig sein. Das Militär arbeitet momentan daran, nicht genutzte Kasernen in der Nähe von Thessaloniki und bei Athen als Massenunterkünfte umzufunktionieren. "Trotzdem werden die ersten Monate schwer", sagte Dragasakis.

Nun soll eine Nato-Mission im Seegebiet zwischen der Türkei und Griechenland die Lage unter Kontrolle bringen. Die Regierung in Athen geht davon aus, dass all jene Flüchtlinge, deren Boote in griechischen Gewässern aufgegriffen werden, ohnehin auf das Festland gebracht werden dürften. Von dort aus sollen die Menschen dann nach dem im vergangenen Jahr beschlossenen Konzept in der EU verteilt werden.

Doch das ist bisher weitgehend Theorie: "Von den beschlossenen 160.000 Menschen wurden erst 400 Menschen in anderen EU-Ländern aufgenommen", sagt Katsioulis von der Friedrich-Ebert-Stiftung. "Wenn es in diesem Tempo weitergeht, dürfte die Verteilung noch Jahrzehnte dauern." Auch wenn Griechenland sicher mit der Registrierung der Flüchtlinge im Rückstand sei, werde die Debatte momentan "unfair geführt". Die meisten anderen EU-Staaten kämen ihren Verpflichtungen mindestens ebenso wenig nach. Am Ende könnte also auch dieses europäische Problem bei den Griechen und Tsipras festsitzen.