Klang da ein leiser Seufzer der Erleichterung aus Downing Street? Oder war es doch mehr das unterdrückte Aufstöhnen unter allzu großer Anspannung? Den Verhandlungsentwurf, den David Cameron am späten Dienstagvormittag aus Brüssel erhielt, stellte Großbritanniens Premier noch am selben Tag mit entschlossenem Optimismus als Erfolg dar: "Mit meiner Hand auf dem Herzen kann ich schwören, dass ich geliefert habe, was unser Wahlprogramm versprochen hat."

Die Titelseiten der britischen Presse kommen an diesem Mittwoch zu einem sehr anderen Ergebnis. "Die große Täuschung!" ruft die rechtskonservative Daily Mail. "Der Deal ist ein Witz", befindet das Boulevardblatt Daily Express  und fasst zusammen: "Keine Kontrolle über unsere Grenzen. Migranten kriegen immer noch Sozialhilfe. Brüssel bestimmt weiter, wo's lang geht." Die Sun porträtiert Cameron gar als den lächerlich-pompösen Heimwehroffizier Captain Mainwaring aus der  Zweite-Weltkriegs-Satire Dad's Army und ersetzt in der Titelzeile des  Spottlieds "Wen wollen Sie zum Narren halten, Herr Hitler?"  den Namen des Diktators durch den des britischen Premierministers.

Großbritannien von der EU belagert, verraten von einem unfähigen oder hinterhältigen Premier: Das ist das Bild, dass die britische Boulevardpresse am Morgen danach zeichnet, am Morgen nachdem EU-Ratspräsident Donald Tusk nach monatelangen Verhandlungen veröffentlichte, unter welchen Bedingungen Großbritannien und die EU weiter miteinander auskommen könnten.

Tusk hatte das auf Twitter halb charmant, halb ironisch mit einer Verbeugung vor dem Land Shakespeares getan: "Sein oder nicht zusammen sein" tweetete der Ratspräsident, Hamlet zitierend. Der britische ultra-EU-feindliche EU-Abgeordnete Daniel Hannan twitterte daraufhin ein Zitat aus Shakespeares Historiendrama über König Johann Ohneland zurück: "England lag noch nie und wird auch nie zu eines Siegers stolzen Füßen liegen, als wenn es erst sich selbst verwunden half."

EU-Kritiker sind lauter

Das ist der Ton im konservativen Anti-EU-Lager: Nationalistisch und romantisch, den Traum beschwörend, dass Großbritannien denselben "Status einer unabhängigen Nation wie Amerika, Kanada, Australien, Indien oder Neuseeland genießen" könne, wie Tim Montgomerie im rechtskonservativen Blog CapX schrieb. Montgomerie gilt als einflussreichster Tory außerhalb des Kabinetts und einer der wichtigsten Aktivisten der Partei.

Aber spiegelt die Nationalromantik nostalgischer Tory-Träumer wieder, was das britische Volk will? Weil die Mehrheit der britischen Presse euroskeptisch ist, und weil die britischen Kritiker der EU zumeist lauter auftreten als die britischen Verteidiger der EU, haben wir uns daran gewöhnt, das Land fest im Griff der EU-Gegner zu sehen. Seit Jahren jedoch liefern Umfragen ein anderes Bild: Mindestens die Hälfte, meist sogar eine deutliche Mehrheit der Briten will in der EU bleiben. Und die Wettbüros, die nach dem Versagen der britischen Umfrageinstitute vor der letzten Unterhauswahl mittlerweile als zuverlässigeres Barometer der Volksstimme gelten, setzen deutlich auf ein Votum für die EU.

Nicht einmal Camerons Tories sind so eindeutig euroskeptisch, wie die schrilleren EU-Gegner der Partei glauben machen wollen, und die Parteimitglieder im Land noch weniger als die Parlamentarier. Eine Umfrage der Londoner Queen Mary University und der Sussex University  fand heraus, dass 20 Prozent der Tory-Abgeordneten in jedem Fall für den Austritt stimmen wollen, aber nur 15 Prozent der Basis. Umgekehrt wollen elf Prozent der Tory-Parlamentarier in jedem Fall dafür stimmen, dass Großbritannien in der EU bleibt, und immerhin 19 Prozent der Tory-Mitglieder im Lande.