Es sind keine einfachen Zeiten für deutsche Landwirte – vor allem, seit die Erlöse für Milchprodukte und Schweinefleisch nicht mehr zur Kostendeckung ausreichen. Viele, vor allem kleine tierhaltende Betriebe mussten bereits aufgeben. Mehr könnten folgen. Selbst größere Betriebe, die in den letzten Jahren kräftig in moderne Stallanlagen investiert haben, stehen unter hohem Druck. Das inländische Produktionsniveau von Schweinefleisch ist seit 2011 fast unverändert, obgleich der Konsum in Deutschland seit Jahren rückläufig ist.

Die Rettung scheint im Export zu liegen. Jahrelang lief das gut – Deutschland war in den letzten Jahren eine weltweit führende Exportnation von Schweinefleisch und Russland bis 2013 einer der wichtigsten Abnehmer. Die Erlöse waren infolge relativ hoher Weltmarktpreise gut.

Allerdings ist das Geschäft unruhiger geworden. Seit dem Jahr 2014, infolge der durch den Westen verhängten Sanktionen, ist der russische Markt für Lebensmittelexporte gesperrt. Mehr Schweinefleisch verbleibt auf dem europäischen Markt. Für die Landwirte bedeutet das noch mehr Druck. Zwar konnten sie in den vergangenen Jahren mehr nach Asien exportieren als zuvor, aber das gilt vor allem für minderwertig eingestufte Teile wie Knochen und Pfoten. Die Preise in Asien liegen folglich deutlich unter denen, die in Russland erzielt werden könnten.

Der Präsident des Deutschen Bauernverbandes, Joachim Rukwied, ordnet die Lage der Dinge mit Sicherheit richtig ein, wenn er die russischen Handelssanktionen als gewichtige Ursache für die Krise bewertet, in der sich die deutschen Schweinezüchter befinden. Fast noch schlimmer ist: Alles deutet darauf hin, dass Russland mittlerweile nicht mehr auf die Importe aus Europa angewiesen ist.

Zu Sowjetzeiten wurde die Eigenversorgung durch hohe staatliche Subventionen gestemmt. Nach dem Zusammenbruch im Jahr 1991 brach die staatliche Unterstützung weg und die Tierproduktion ging schlagartig zurück. Bis 2000 senkten die Russen ihren Fleischkonsum um mehr als ein Drittel. Seit der Jahrtausendwende aber, vor allem getrieben durch den Verkauf von Erdöl und Erdgas, stiegen die Staatseinnahmen und Gehälter rasant an – und mit ihnen der Konsum von Fleisch.

Die vermutlich größte Rinderherde der Welt

Die steigenden Lebensmittelimporte konnten leicht gegenfinanziert werden. Russland wurde einer der führenden Importeure von Schweinefleisch, mit den größten Liefermengen aus Brasilien, Europa und Nordamerika. Allerdings wuchs die hohe Importabhängigkeit zu einem gewaltigen Politikum an. Der ländliche Raum verkümmerte vielerorts, der Stolz der ehemaligen Agrarnation litt. Die russische Regierung begann daher ab etwa Mitte der 2000er Jahre, die heimische Tierproduktion massiv zu unterstützen.

Sie hatte Erfolg: Zwischen 2005 und 2013 konnte die Schweinefleischproduktion fast verdoppelt werden; die weitgehende Weltmarktabschottung infolge der Handelssanktionen und steigende staatliche Subventionen haben die Zuwachsrate ab 2014 sogar noch erhöht. Der Kreml gibt der Landwirtschaft wieder oberste Priorität und baut in erster Linie auf große russische Konzerne wie die Miratorg Agribusiness Holding, die, nach eigenen Angaben, knapp 300.000 Tonnen Schweinefleisch im Jahr produziert. Das sind zwölf Prozent der russischen Gesamtproduktion.

Miratorg nutzt moderne Haltungs- und Fütterungstechnik aus Deutschland und Belgien und sowie die produktivsten Zuchtlinien aus Nordeuropa. Zudem unterhält Miratorg die vermutlich größte Rinderherde der Welt. Aber auch ausländische Investoren und Schweineproduzenten sind willkommen. Deutschlands größter Schlachtbetrieb Tönnies Lebensmittel beispielsweise ist seit 2013 in Russland aktiv. Tönnies mästete, nach Aussagen von Geschäftsführer Clemens Tönnies, im April 2015 bereits 600.000 Schweine in Russland, 1,5 Millionen Tiere sollen es 2017 sein.

Wird Russland zum Fleischexporteur?

Zusammen haben die großen Player dafür gesorgt, dass heute nur noch etwa 200.000 Tonnen Schweinefleisch importiert werden. Das sind fast 80 Prozent weniger als noch im Jahr 2013. Einen Großteil der noch benötigten Importe kommt heute aus Brasilien, das vom Importverbot ausgeschlossen ist und die eigene Produktionsmenge und -qualität in den vergangenen Jahren stark erhöht hat. Zudem sind die Produktionskosten von Schweinefleisch in Brasilien vergleichsweise gering.

Russland hat die politische Krise nach der Krim-Annexion instrumentalisiert und sich von westlichen Agrarimporten gelöst. Verstärkt wurde diese Entwicklung zudem durch die enorme Rubel-Abwertung, die Importe verteuerte. Russland kann sich heute nahezu selbst versorgen, mit Schweine- und vor allem Geflügelfleisch.

Die aktuellen Produktionssteigerungen der russischen Tierproduktion sind bemerkenswert und wenig spricht dafür, dass Europa wieder größere Mengen Schweinefleisch in Russland absetzen wird, auch nicht verbesserte bilaterale Beziehungen. Einiges deutet sogar darauf hin, dass Russland seine riesigen ungenutzten Agrarpotenziale nutzt und sich als ein ernst zu nehmender Fleischexporteur etabliert. Für die exportorientierte deutsche Agrarindustrie wäre das keine gute Nachricht.