Seit mehr als 15 Jahren sabotiert der Taxifahrer Juan die Errungenschaften des Sozialismus. Juan lebt in Venezuela, wo Benzin subventioniert und unglaublich billig ist – nicht weit entfernt, im nahen Kolumbien, zahlen die Kunden bis zu 1.000 Mal mehr. Deshalb fuhr Juan jede Woche drei Mal mit seinem vollgetankten Fiesta über die Grenze, leerte den Tank und verkaufte den Inhalt mit hohem Gewinn.

Jeweils 100 Bolívares (etwa 9 Eurocent nach inoffiziellem Kurs) steckte Juan den Soldaten an den drei Checkpoints bis Kolumbien zu, die Scheine lagen abgezählt im Auto. Kaum einer gab sich Mühe, die Geldübergabe zu verstecken. Zu viele Fahrzeuge mussten durch, Stoßstange an Stoßstange wanden sie sich durch die Berge und wieder zurück. Die Gewinnmargen beim Benzinschmuggel sind höher als beim Kokain, rechnet ein Kommunalpolitiker aus der Grenzregion vor, der seinen Namen nicht in Medien lesen will. Schmuggler wie Juan seien kleine Fische, nachts würden ganze LKW-Ladungen verkappt. Venezolanische Militärs und kolumbianische Paramilitärs, eigentlich erklärte Feinde, kontrollierten das Geschäft. Neben Benzin bringen die Schmuggler subventionierte Lebensmittel, Kosmetik und Hygieneartikel aus Venezuela.

Doch damit ist es nun vorbei. Venezuelas Präsident Nicolás Maduro hat sich zu einem für sein Land radikalen Schritt entschieden: Er erhöhte den Benzinpreis. Seit 20 Jahren war er nicht gestiegen, schon bei der Ankündigung einer Preiserhöhung 1989 kam es zu gewalttätigen Protesten. Der Benzinpreis ist Venezolanern so heilig wie Deutschen die Inflationsrate. Vier Stunden sprach Maduro zum Volk, als er den Schritt bekannt gab. Dass er auch die Wechselkurse der heillos überbewerteten Währung etwas anpassen und den Mindestlohn erhöhen will, ging dabei fast schon unter.

Der Preis für Treibstoff mit wenig Oktan steigt nun um das 60-Fache. Einmal Volltanken mit dem günstigeren Benzin kostet in Zukunft dennoch weniger als eine Tasse Kaffee, zuvor war es billiger als ein Kaugummi.

Maduro rang sich zu dem Schritt durch, weil sein Land sich im "Wirtschaftskrieg" gegen Schmuggler befinde, wie er sagt. Die Regierung reagierte bereits im vergangenen Jahr und machte die Grenzen zu Kolumbien dicht, führte Chips und Lesegeräte an Tankstellen und Autos ein sowie Fingerabdruckscanner an Supermarktkassen. Der Spritverbrauch ging laut der Regierungspartei in der Region Táchira von 240 Millionen Liter auf 90 Millionen zurück – immer noch deutlich mehr als erwartet.

Doch das eigentliche Problem hat Venezuela mit all den Maßnahmen nicht gelöst. Das Land erzielt 95 Prozent seiner Ausfuhrerlöse und die Hälfte seiner Staatseinnahmen aus dem Verkauf von Erdöl. Die restliche Produktion in dem Land liegt darnieder, fast alle Güter müssen importiert werden. Das kann sich Venezuela allerdings nicht mehr leisten. Medikamente und Lebensmittel sind inzwischen knapp, seit anderthalb Jahren bedeutet einkaufen stundenlanges Schlangestehen. Oppositionspolitiker sprechen von Tausenden Toten in Krankenhäusern allein wegen der Unterversorgung und baten die Weltgesundheitsorganisation um humanitäre Nothilfe.

Maduro rief inzwischen den ökonomischen Notstand aus und ließ sich mit Sondervollmachten ausstatten. Der Staatspräsident kann nun größere Ausgaben veranlassen, ohne Ausschreibung Güter kaufen und notfalls Produktionsmittel und sogar ganze Privatunternehmen beschlagnahmen. Jetzt sprechen auch die Unternehmer und die Opposition von "Wirtschaftskrieg". Am Dienstag kündigte der als linker Hardliner bezeichnete Wirtschaftsminister Luis Salas seinen Rückzug an. Bereits im Dezember mussten die Sozialisten eine schwere Wahlniederlage einstecken und verloren die Mehrheit im Parlament.