Der Widerstand hat ein Gesicht. Eine adrette junge Frau, gerade mal 25 Jahre alt: Flavia Kleiner studiert Geschichte und leitet in ihrer Freizeit eine kleine NGO namens Operation Libero. Dieser Tage hat die Zürcherin nur ein Ziel: Sie will am kommenden Sonntag gewinnen. Egal wie knapp. Hauptsache mehr als 50 Prozent der Schweizerinnen und Schweizer sagen Nein zur sogenannten Durchsetzungsinitiative der Schweizerischen Volkspartei (SVP).

Mit ihrem Volksbegehren will die wählerstärkste Partei der Schweiz erreichen, dass kriminelle Ausländer automatisch ausgeschafft werden. Nicht nur bei schweren Verbrechen wie Mord, Totschlag, Vergewaltigung, Raub, Menschen- oder Drogenhandel. Sondern bereits bei Bagatelldelikten. Zum Beispiel für die unrechtmäßige Inanspruchnahme einer Sozialversicherung, auch wenn der angerichtete Schaden lediglich 300 Franken beträgt. Oder bei einem wiederholten, einfachen Diebstahl. Und zwar ohne, dass dabei der Einzelfall geprüft wird. Ohne, dass die Richter bei ihren Urteilen die persönlichen und familiären Verhältnisse der Straftäter berücksichtigen. Jährlich 10.000 Ausländer müssten das Land verlassen.

Die SVP-Initiative stellt den Schweizer Rechtsstaat infrage. Sie führt zu einer Zweiklassen-Justiz: Eine für Schweizer, eine für Ausländer. In einem Land, in dem über ein Viertel der Bevölkerung keinen Schweizer Pass hat. Trotzdem wagte sich lange niemand, gegen das Volksbegehren öffentlich aufzutreten. Die etablierten Parteien spürten den letztjährigen Wahlkampf in den Knochen und im Portemonnaie. Die Wirtschaftsverbände wollten kein Geld locker machen; sie fürchteten den Clinch mit der konservativen SVP. Und die ersten Umfragen sagten: 66 Prozent der Schweizer würden die Initiative annehmen. Keine Hoffnung, nirgends.

Eine politische Massenbewegung

Bis Schweizerinnen wie Flavia Kleiner auftraten. Mit ihrer Operation Libero trommelte sie verschiedene Vertreter aus der Zivilgesellschaft zusammen und lancierte eine Gegenkampagne. Unterstützung erhielten Kleiner & Co. von 150 Jura-Professoren. Ihr Appell: Schützt unseren Rechtsstaat. Sowie vom längst pensionierten Fernsehdirektor Peter Studer, der die Prominenz des Landes mit seinem "Dringenden Aufruf" aufscheuchte. Und die Aufgewühlten zahlten auch. Innerhalb weniger Wochen wurden 1,2 Millionen Franken gesammelt, eine Plakatkampagne gestartet, Inserate geschaltet. In den Städten des Landes sowie den sozialen Medien wurde eine regelrechte politische Massenbewegung entfacht.

Junge Schweizer, Rentner und Professoren, die der SVP die Stirn zeigen: Da fassten sich auch die etablierten Politiker ans Herz. Und sie gingen dabei nicht besonders zimperlich vor. Der Abstimmungskampf wurde richtig gehässig. Dem Land drohe eine "Apartheid", warnte eine sozialdemokratische Ständerätin. Die Initiative sei ein "Anschlag auf die Schweiz", wetterte der Präsident der FDP. Bald fielen die ersten Nazi-Vergleiche. Das ließ die SVP nicht auf sich sitzen: Die Schweiz sei auf dem Weg in eine Diktatur, donnerte ihr Vordenker und Financier Christoph Blocher. Er sprach von einem stillen Staatsstreich: durch die Professoren, die Verwaltung, die Richter – und die Prominenten.

Nun war auch dem Hinterletzten klar: Hier geht es nicht mehr allein um kriminelle Ausländer. Nun geht es ums Ganze. Um die Schweiz, ihr politisches System, ihre wirtschaftliche Zukunft. Die SVP-Initiative beißt sich mit völkerrechtlichen Verträgen, die die Schweiz unterschrieben hat. Sie widerspricht der Europäischen Menschenrechtskonvention – und vor allem: dem Freizügigkeitsabkommen mit der Europäischen Union. Weil auch EU-Bürger wegen Bagatellen ausgewiesen werden können. Wird die Initiative angenommen, droht also eine weitere Eskalation im Streit mit Brüssel, die bilateralen Verträge wären in Gefahr. Für die Schweizer Exportwirtschaft wäre das fatal.

So wagten sich schließlich auch die Wirtschaftsführer aus der Deckung. Sie merkten: Unser Geschäft ist in Gefahr. Die Durchsetzungsinitiative bringt nämlich das fein austarierte Machtgefüge der Schweiz ins Wanken. Indem sie einen Deliktkatalog direkt in die Verfassung schreiben will, umgeht sie das Parlament, das für solche Fragen eigentlich zuständig wäre. Und mit dem ebenfalls in der Verfassung festgeschriebenen Abschiebeautomatismus, entmachtet sie die Richter. Das Volk wäre nicht mehr nur ein wichtiger Teil des Demokratie-Systems, sondern stünde über allem – ohne checks and balances.

Drei Tage vor dem großen Abstimmungsshowdown hat der Wind gedreht. Ein Nein scheint wahrscheinlich. Das zeigen auch die letzten Umfragen. Die Städte erwarten eine rekordverdächtige Wahlbeteiligung von rund 70 Prozent. So hoch war sie seit fast einem Vierteljahrhundert nicht mehr. Und die jungen Schweizer wie Flavia Kleiner dürfen vorsichtig optimistisch sein. Es könnte reichen am Sonntag.