Niemand tut so viel für syrische Flüchtlinge wie die beiden armen Nachbarländer Libanon und Jordanien. Rund 4,6 Millionen syrische Vertriebene haben die Vereinten Nationen bislang offiziell registriert – Ende des vergangenen Jahres hatten davon eine Million im Libanon Unterschlupf gefunden und 635.000 in Jordanien. Gemessen an dem, was ein Land wirtschaftlich schultern kann und auch an der Einwohnerzahl der beiden Länder sind das so viele wie nirgendwo sonst.

Viele wohlhabendere Staaten hingegen bleiben hinter ihren wirtschaftlichen Möglichkeiten zurück. Im vergangenen Jahr seien die Hilfsaufrufe der Vereinten Nationen für Syrien und die Nachbarländer nur gut zur Hälfte gedeckt gewesen, berichtet die Hilfsorganisation Oxfam. "Reiche Staaten müssen sich endlich ihrer Verantwortung stellen", sagte Robert Lindner, Syrien-Experte bei Oxfam Deutschland. "Sie müssen ihre Hilfe massiv aufstocken. In diesem Jahr brauchen wir das Doppelte von dem, was 2015 aufgebracht wurde."

Auf der jüngsten Geberkonferenz für Syrien, die am Donnerstagabend in London zu Ende ging, versprachen die Teilnehmer rund neun Milliarden Euro, deutlich mehr als erwartet. Doch davon sollen nur 5,5 Milliarden tatsächlich im laufenden Jahr ausgezahlt werden. Deutschland ist mit der Zusage von 2,3 Milliarden Euro bis einschließlich 2018 der größte Geldgeber, gefolgt von den USA und Großbritannien.

Die Versprechen früherer Geberkonferenzen wurden oft nicht gehalten. Nur etwa 50 Prozent der Zusagen seien tatsächlich ausgezahlt worden, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Selbst wenn das dieses Mal anders sein sollte, wird das Geld wird wohl nicht reichen. Oxfam beziffert den gesamten Bedarf für die Syrien-Hilfe im laufenden Jahr auf rund 9,3 Milliarden Dollar, umgerechnet rund 8,3 Milliarden Euro. Grundlage sind die Hilfsaufrufe der Vereinten Nationen und weiterer großer Hilfsorganisationen, etwa des Internationalen Roten Kreuzes.

Für das vergangene Jahr hat Oxfam schon vor der Syrien-Geberkonferenz berechnet, was die Mitglieder des OECD-Entwicklungskomitees und andere finanzkräftige Staaten geben könnten und diese Zahl dann mit den tatsächlich gespendeten Summen verglichen (siehe Grafik).  

Grundlage der Berechnung war der von den Vereinten Nationen, dem Internationalen Roten Kreuz und anderen Organisationen genannte Hilfsbedarf. Oxfam verteilte die Summe nach ihrer Wirtschaftskraft auf die untersuchten Länder. Das Ergebnis: Von 32 Staaten waren 20 knausriger, als sie hätten sein müssen, darunter Länder wie die USA, Katar und Saudi-Arabien – obwohl beispielsweise die USA mit rund 1,6 Milliarden Dollar am meisten gaben, schöpften sie dadurch nur drei Viertel ihrer Möglichkeiten aus.

Ausnahmen sind unter anderem Deutschland, das 152 Prozent dessen gab, was Oxfam als "fairen Anteil" beziffert, und andere west- und nordeuropäische Staaten. Am großzügigsten zeigte sich Kuwait. Der Ölstaat gab mehr als das Fünffache seines laut Oxfam fairen Beitrags.  

Wenn es darum geht, welches Land die Flüchtlinge aufnimmt, sieht es laut Oxfam noch schlechter aus. Die Organisation fordert, dass mindestens zehn Prozent der aus ihrem Heimatland geflohenen Syrer, rund 460.000 Personen, von wohlhabenden Staaten außerhalb der Region aufgenommen werden sollten – den "fairen Anteil" jedes einzelnen Aufnahmelandes hat Oxfam je nach Einwohnerzahl berechnet. Nur Kanada, Deutschland und Norwegen haben zugesagt, mindestens diesen Anteil an Flüchtlingen aufzunehmen, sowie unter bestimmten Voraussetzungen auch Australien.

Ob die Wohlhabenden durch ihre Versprechen auf der Londoner Konferenz im laufenden Jahr ihren "fairen Beitrag" leisten werden? Oxfam will auch das berechnen. Bis man das Ergebnis erfährt, sagte ein Sprecher, werde es aber noch einige Zeit dauern.