Am 4. Februar 2016 tagt in London die vierte Geberkonferenz zur Syrienkrise. Zum ersten Mal findet sie in Europa statt; in den drei Jahren zuvor haben sich die Geber noch in Kuwait getroffen. Hat man die Konferenz jetzt nach London geholt, weil den Regierungen schwant, dass die Krisen im Nahen Osten das Potenzial haben, Europa wirklich anzustecken und nicht nur – wie heute – bloß aus der politischen Komfortzone herauszuholen?

Allein 15 Millionen der weltweit 60 Millionen Flüchtlinge und Vertriebenen halten sich in der Region in und um die zerfallenden Staaten Syrien, Irak und Jemen auf. Um die Folgen der Syrienkrise nur für das Jahr 2016 zu lindern, sollen nun fast neun Milliarden Dollar eingesammelt werden. Für 2015 waren es bereits 7,4 Milliarden Dollar. Das Geld soll einen sogenannten Marshallplan finanzieren, der Bleibeperspektiven für die Flüchtlinge schafft und so die Fluchtbewegung nach Europa unterbricht, so die Begründung.

Das ist viel Geld. Aber hilft es auch viel?

In Europa ist die Lage noch nicht wirklich kritisch, so wie im Nahen und Mittleren Osten. Dort konzentrieren sich die Flüchtlinge in wenigen und kleinen Ländern wie Libanon und Jordanien, oder in einzelnen noch stabilen Regionen der Konfliktländer selbst. Zum Beispiel im Nordirak, in dem 3,5 Millionen Menschen leben und der zusätzlich mehr als eine Million Flüchtlinge aus dem zerfallenden Rest des Landes aufgenommen hat. Die Gefahr ist groß, dass unter dem sozialen, wirtschaftlichen und politischen Druck selbst die derzeit noch relativ stabilen Regionen in Syrien und Irak sowie die ohnehin schon fragilen Aufnahmestaaten in der direkten Nachbarschaft zerbrechen. Die nächste Fluchtbewegung würde dadurch ausgelöst. Im Moment geht es darum, genau das zu verhindern.

Ein Land wie die Türkei mit 2,5 Millionen Flüchtlingen bei 78 Millionen Einwohnern ist von einer existenziellen Krise zwar im Moment ebenso weit entfernt wie Deutschland. Doch falls Erdoğan weiter im Konflikt mit den Kurden zündelt und sich nicht eindeutig vom "Islamischen Staat" distanziert, könnte auch die Türkei instabiler werden.

Unter welchen Bedingungen könnte ein Marshallplan für die Region wirksam werden – und wer ist für die Umsetzung verantwortlich?

Wann Geld hilft

Kurzfristig kann viel Geld tatsächlich sehr viel bewirken. Dann nämlich, wenn es darum geht, Flüchtlingslager ordentlich auszustatten und die Gemeinden bei der Flüchtlingsaufnahme zu unterstützen. Bis zu 90 Prozent der Flüchtlinge in den Nachbarländern Syriens leben außerhalb von Lagern. Gelänge es, ihnen zu helfen und zugleich die aufnehmenden Gemeinden profitieren zu lassen, wäre Konflikten vorgebeugt, und man hätte verhindert, dass sich Flüchtlinge und Vertriebene abermals von den ursprünglichen Aufnahmeorten auf den Weg nach Europa machen müssten – etwa weil ihnen, wie im Fall der syrischen Flüchtlinge im Libanon und in Jordanien, mehrfach wegen fehlender Finanzierung der internationalen Hilfsprogramme die Grundversorgung gekürzt werden musste.