Basar in Istanbul (Archivbild) © Fatih Saribas/Reuters

Es summt und surrt in Zeytinburnu. Das Arbeiterviertel im Westen Istanbuls beherbergt mehrere Hundert Textilwerkstätten, doch nur dieses Geräusch weist darauf hin: Es gibt keine Schilder, keine Verzeichnisse, keine Stellenausschreibungen. Will man hier Arbeit finden, folgt man dem Rattern der Nähmaschinen zu Kellern scheinbar unbewohnter Häuser und klopft.

So hat auch Luai Arbeit gefunden. Eigentlich hatte sich der 23-jährige Syrer seine Zukunft anders vorgestellt: In Damaskus studierte er Energietechnik. Jetzt näht er von früh bis spät pinke Schleifchen auf Babyschlafanzüge, zehn Stunden am Tag, sechs Tage die Woche, für nicht einmal 300 Euro im Monat.

An den Stränden Griechenlands häufen sich Geschichten wie die Luais. Fragt man Flüchtlinge, warum sie nicht in der Türkei geblieben sind, ist die Antwort oft: "No future", keine Zukunft. Nur 6.800 der zweieinhalb Millionen Syrer dürfen legal in der Türkei arbeiten. Vielen bleibt nichts anderes übrig, als für Hungerlöhne niederen Tätigkeiten nachzugehen, um über die Runden zu kommen — oder die Flucht nach Europa zu wagen.

Minderjährige Flüchtlinge - "Er hilft mir – und ich helfe ihm" Etwa 60.000 Minderjährige flohen im vergangenen Jahr ohne ihre Eltern nach Deutschland. Auch der 17-jährige Hamud kannte in München niemanden. Bis er Felix traf. Ein Beitrag aus der Webdokumentation “Fremde Freunde”, die mit dem Reportagepreis für junge Journalistinnen und Journalisten 2015 ausgezeichnet wurde. (http://afklab.pageflow.io/fremde-freunde)

Das soll sich jetzt ändern. Im Januar führte die Türkei das Arbeitsrecht für syrische Flüchtlinge ein. Mit der Erlaubnis können Syrer nicht nur legal arbeiten, sondern haben auch Anspruch auf die gesetzliche Krankenversicherung und den türkischen Mindestlohn von 1.300 Lira (knapp 400 Euro) im Monat.

Die neue Regelung kam zwei Monate nachdem die Europäische Union der Türkei drei Milliarden Euro versprach, um den Flüchtlingsstrom aufzuhalten. Legale Arbeitsmöglichkeiten, so hofft die EU, werde zu besseren Lebensbedingungen führen — und somit zu weniger Booten nach Griechenland.

Realität ist das Arbeitsrecht allerdings immer noch nur für wenige. Sowohl Flüchtlinge als auch Experten bezweifeln, dass es die Bedingungen für Syrer bedeutsam verändern werde. Vor allem illegale Arbeiter wie Luai würden kaum davon profitieren, glaubt Murat Erdoğan, Migrationsforscher an Ankaras Hacettepe-Universität. Illegale Werkstätten, wo Arbeiter meist ohne Papiere arbeiten, werden sich nicht bei den Behörden melden.

Fast jede der unterirdischen Nähereien Zeytinburnus stellt Flüchtlinge ein. Oft werden sie schlechter bezahlt als ihre türkischen Kollegen. Die türkische Frau an der Maschine hinter ihm, flüstert Luai auf Arabisch, verdiene umgerechnet 450 Euro. Eine Wohnung kann er sich mit seinen 300 Euro nicht leisten; er teilt sich mit 13 Mitbewohnern ein Zimmer in einem Hostel.

"Die Flüchtlinge sind gut für solche Arbeitgeber, weil sie so billig sind," sagt Erdoğan. Mit Papieren und Versicherung müsse ein Arbeitgeber pro Mitarbeiter mindestens 2.500 Lira im Monat ausgeben. "Kein einziger von denen wird das machen, also werden die Flüchtlinge weiter illegal arbeiten."

Ein Bericht des türkischen Arbeitgeberverbands TISK spricht von mindestens 300.000 Syrern, die in der Türkei arbeiten, die meisten davon auf dem Schwarzmarkt. Die Hälfte der syrischen Arbeiter verdient gerade einmal 220 Euro im Monat — viel zu wenig, um sich selbst, geschweige denn eine Familie zu ernähren. Oft müssen dann auch die Kinder arbeiten, um das Haushaltseinkommen zu unterstützen.