Das Bankenviertel in Frankfurt am Main © Kai Pfaffenbach/Reuters

ZEIT ONLINE: Herr Schick, Herr Giegold, die Börsen sind nervös, die Kurse fallen, große Institute wie die Deutsche Bank stecken in Schwierigkeiten. Stehen wir vor einer neuen Krise?

Gerhard Schick: Die Krise war doch nie vorbei. Trotz aller neuen Regulierungen und Gesetze wurden die grundlegenden Ursachen nie angegangen, die 2008 zum Absturz der Finanzmärkte führten. Die alten Instabilitäten sind geblieben. Es ist keine Überraschung, dass die Märkte wieder so nervös reagieren. Daher war es klar, dass da noch einmal etwas kommen würde.

ZEIT ONLINE: Warum?

Schick: Die Banken finanzieren ihr langfristiges Geschäft immer noch mit kurzfristig laufenden Krediten. Das ist riskant. Außerdem ist der Finanzsektor auch seit 2008 stärker gewachsen als der Rest der Wirtschaft.

ZEIT ONLINE: Aber es sind doch so viele Institute weltweit bankrott gegangen?

Schick: In den USA mehr als in Europa – deshalb sind die Banken dort heute auch stabiler. Insgesamt hat aber zu wenig Deleveraging stattgefunden: Die Institute finanzieren sich immer noch zu sehr durch Fremdkapital und gehen zu große Risiken ein.

Sven Giegold: Wir haben es nicht nur mit einer Fehlregulierung von Banken, Fonds und Versicherungen zu tun, sondern mit einer makroökonomischen Schieflage. Sie ist immer noch nicht gelöst. Und solange sie nicht behoben ist, wird auch die Eurokrise weiter schwelen.

ZEIT ONLINE: Das müssen Sie erklären.

Giegold: Ich gebe ihnen ein Beispiel: Wenn ich als Anleger heute dem deutschen Staat Geld leihe, bekomme ich nach zehn Jahren gemessen in Kaufkraft weniger Geld zurück. Das zeigt: Das Finanzsystem ist kaputt, weil im Vergleich zur Realwirtschaft aufgebläht. Es kann nicht einfach durch strengere Regeln für einzelne Institute repariert werden. Wir brauchen stattdessen eine Politik, die Investitionen fördert und so die makroökonomischen Ungleichgewichte behebt.

ZEIT ONLINE: Mit den aktuellen Turbulenzen an den Börsen hat das nicht zwangsläufig etwas zu tun. Woher kommen die?

Giegold: Die kurzfristigen Börsenkurse sind aus unserer Sicht nicht entscheidend für die Frage, wie es dem Finanzsystem insgesamt geht. Sie spiegeln zwar aktuelle Probleme wider: die wirtschaftliche Lage Chinas, die Schwierigkeiten der Deutschen Bank. Aber auf lange Sicht geht es darum, dass das derzeitige Finanzsystem immer zu Blasen und Fehlspekulationen neigen wird. Die Politik muss für das im Überfluss vorhandene Kapital langfristige Investitionen öffnen und zugleich kurzfristige Spekulationen bremsen.

ZEIT ONLINE: Die niedrigen Zinsen sind doch aber politisch gewollt. Sie sollen Investitionen ankurbeln und der Realwirtschaft neue Impulse geben.

Schick: Die Zinsen sind nicht nur aufgrund der expansiven Geldpolitik der Europäischen Zentralbank so niedrig. Sie sinken bereits seit den achtziger Jahren, weil das Kapitalangebot die Nachfrage übersteigt. Das schafft immer neue Risiken.

ZEIT ONLINE: Welche genau?

Schick: Die Lebensversicherer etwa haben große Schwierigkeiten, ihre Leistungsversprechen aus früheren Jahren zu erfüllen. Die Banken, vor allem in Europa, verdienen kaum Geld im klassischen Kreditgeschäft, weil so wenige Kredite nachgefragt werden. 

Giegold: In vielen Industrie- und Schwellenländern wird außerdem immer mehr gespart. Die Einkommen sind immer ungleicher verteilt und die obersten zehn Prozent sparen viel mehr als der Rest der Gesellschaft. Aber auch der Mittelstand legt immer mehr für schlechte Zeiten zurück.

ZEIT ONLINE: Aber die Ersparnisse werden nicht produktiv investiert.

Giegold: Ja, weil die Politik die Notenbanken im Stich lässt. Die versuchen zwar, mit niedrigen Zinsen neue Investitionen anzukurbeln, aber die Politik unterstützt sie nicht. Es gab keinen Green New Deal, um die ökologische Transformation zu unterstützen. Die Politik überlässt die Verantwortung für wirtschaftliche Stabilität einseitig den Zentralbanken. Die aber können das allein nicht leisten.