Amory Lovins gilt als der Erfinder der Energiewende. Seit Jahrzehnten macht der Tüftler, Physiker und Gründer des Rocky Mountain Institute immer wieder mit neuen Ideen von sich reden. Er hat die Automobilindustrie bei der Konstruktion von E-Autos beraten und die Chinesen beim Umbau ihres Energievorsorgungssystems. 2009 zählte ihn das Time Magazine zu den 100 einflussreichsten Menschen der Welt. Am Donnerstag (17. März) wird ihm in Berlin das Bundesverdienstkreuz verliehen.

ZEIT ONLINE: Sie leben in den Rocky Mountains auf etwa 2.200 Meter und ernten Bananen?

Amory Lovins: Ja, meine Frau und ich haben gerade die Stauden 59 bis 61 geerntet, das sind ziemlich viele Bananen. So eine Staude wiegt schnell mehr als 20 Kilo. Wir essen Bananen, frieren sie ein, backen daraus Brot, verschenken sie – und wir verstecken sie sogar in den Autos von Gästen.

ZEIT ONLINE: Bei Ihnen kann es bis zu minus 44 Grad kalt werden. Wie schaffen Sie das alles ohne Heizung?

Lovins: Wir leben in einem Passivhaus. Dessen Herz ist das Gewächshaus, in dem auch Mangos, Papayas und Zitronen wachsen. Wir haben mehr als 100 verschiedene Pflanzen und immer mal wieder auch ein paar Tiere, beispielsweise Leguane. Mit dem Gewächshaus produzieren wir Energie: durch Fotosynthese, Wärme, Licht, heiße Luft, heißes Wasser und sogar den Wasserdampf, der durch den Wärmetauscher entsteht. Den sammeln wir auch, um die Pflanzen zu gießen.

ZEIT ONLINE: Als Sie Ihr Haus vor 32 Jahren bauten, hielten viele all das für unmöglich. Wie sind Sie auf diese Ideen gekommen?

Lovins: Wir brauchten einfach einen Ort zum Wohnen und für das Rocky Mountain Institute. Wir wollten ein Gebäude schaffen, in dem man sich gern aufhält und das keine Energie verbraucht. Also legten wir los. Ich habe mich noch nie davon entmutigen lassen, dass etwas angeblich nicht geht. Als Physiker wusste ich einfach, dass ein Haus ohne Heizung funktionieren kann, wenn man es super gut isoliert. Wir haben beispielsweise mit Fenstern experimentiert, die Licht durchlassen, Infrarotstrahlung aber reflektieren. Die werden mit schweren Gasen gefüllt, die extrem gut isolieren. Heute sind wir bei der sechsten Generation angelangt, drei unserer Fenster isolieren so gut wie 22 normale Glasscheiben hintereinander gebaut. Das Institut ist übrigens gerade in ein neues Passivhaus umgezogen: das exportiert Energie, braucht keine Heizung, keine Klimaanlage und es rechnet sich.

ZEIT ONLINE: Heute gibt es weltweit Passivhäuser, allein 40.000 in Europa. Aber Millionen werden immer noch auf herkömmliche Art gebaut. Warum?

Lovins: Viele Menschen wissen immer noch nicht, was möglich ist. Doch das ändert sich langsam, in Kalifornien müssen 2020 alle neuen kommerziellen Gebäude energieneutral sein, ab 2030 auch alle neuen privaten Häuser. Im österreichischen Vorarlberg darf man schon heute nur noch so bauen und auch europaweit sollen in fünf Jahren nur noch Gebäude erlaubt sein, die fast keine Energie mehr verbrauchen.

ZEIT ONLINE: Das klingt, als ob man Bürger durch Gesetze zwingen muss, energieeffizient zu bauen.

Lovins: Nicht zwangsläufig. Wir haben durch unser Haus gezeigt, dass man nicht nur an den Ausgaben für Energie, sondern schon beim Bauen Geld sparen kann. Es lohnt sich also, so zu bauen. In Montana gab es schon 1990 einen Unternehmer, der den Leuten garantierte, in den ersten fünf Jahren all ihre Heizkosten ohne weitere Fragen zu übernehmen. Der hatte in drei Gemeinden schon bald zwei Drittel aller Häuserbauer als Kunden. Die deutsche Passivhausbewegung nutzt das Argument übrigens auch.

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