In letzter Zeit wird immer wieder in verschiedenen europäischen Ländern darüber diskutiert, den Bargeldverkehr einzuschränken beziehungsweise das Bargeld ganz abzuschaffen. Es gibt dafür einleuchtende ökonomische Gründe, beispielsweise um Schwarzgeldflüsse zu kontrollieren. Auch gibt es oft den politischen Wunsch, Geld in Umlauf zu bringen, um damit den Konsum oder die Konjunktur anzukurbeln.

Das alles kann natürlich nicht funktionieren, wenn die frisch gedruckten Scheine unter den Matratzen verschwinden. Aber warum sollten sie das überhaupt tun? Wie man in den Medien lesen kann, sitzt die Angst vor Negativzinsen oder einer Zwangsabgabe auf Spareinlagen, wie er in Zypern stattgefunden hat, vielen in den Knochen – selbst wenn es die meisten persönlich vielleicht gar nicht beträfe und womöglich ganz andere Motive hinter den Überlegungen der Europäischen Zentralbank (EZB) stecken.

Weshalb wird das Thema gerade bei uns so emotional diskutiert? Vielleicht, weil Bargeld das Gefühl von Autonomie und Freiheit stärkt. Geld ist nicht nur materialisierte Funktion in einer Marktwirtschaft, sondern hat auch eine kulturelle Bedeutung.

Man kann damit losziehen und sich etwas kaufen und ist nicht darauf angewiesen, dass technische Geräte wie Kartenleser funktionieren. Bargeld funktioniert (in einem gewissen Rahmen) ohne Infrastruktur und überall. Nach dem Tausch Bargeld gegen Ware ist das Geschäft abgeschlossen. Man kann dabei zusehen und muss nicht Wochen später die Kreditkartenabrechnung kontrollieren. Das Geld ist in dem Augenblick der Übergabe weg und wird nicht in einem unerwarteten Moment vom Konto gebucht. Manchen Menschen ist das lieber, einfach weil es überschaubarer und weniger abstrakt ist.

Umgang mit Geld ist kulturell geprägt

Der Akt des Tauschgeschäftes hat aber natürlich auch eine soziale, emotionale und eine kulturelle Dimension. Noch deutlicher wird das, wenn nicht Geld gegen Ware getauscht wird, sondern Ware gegen Ware. Der Käufer bringt dann nicht das von ihm erwirtschaftete Geld, sondern das mit den eigenen Händen produzierte Gut in das Geschäft ein. Die Menschen stehen sich persönlich gegenüber und geben etwas von sich her für die erhaltene Ware oder Dienstleistung.

Das Zurschaustellen von Geld als Status- und Machtsymbol ist in wohlhabenden Gesellschaften vielleicht dezenter geworden, kommt aber weiterhin vor. Der kulturell geprägte Umgang mit Geld, etwa durch Weltspartage, Sparschweine, Bankfilialen, das Werfen einer Münze oder Redensarten wie "Über Geld spricht man nicht", sowie die damit zusammenhängende Akzeptanz alternativer Zahlungsmittel sollten nicht außer Acht gelassen werden, wenn sich Menschen Gedanken über die Abschaffung des Geldes machen. Selbst Länder innerhalb Europas unterscheiden sich darin voneinander.

Wer soll von Psychotherapie oder Bordellbesuch erfahren?

Ein für mich sehr wesentlicher Aspekt, der für Bargeld spricht, liegt im Schutz der Privatsphäre. Bargeld ist in Europa anonym. Es gab 2003 Überlegungen, Geldscheine elektronisch identifizierbar zu machen, mittels RFID-Chips. Das ist aber nie passiert. Bargeld eignet sich also nach wie vor, um etwas anonym oder zumindest nicht elektronisch nachvollziehbar zu bezahlen. In den allermeisten Fällen hat das gar keinen kriminellen Hintergrund: Manchen Menschen ist es einfach unangenehm, im Sexshop mit der Kreditkarte zu zahlen.

Oder sie begleichen die Psychotherapie-Rechnung lieber in bar, weil sie nicht wollen, dass ihre Bank davon erfährt; oder bezahlen die diesmal hohe Rechnung im Wirtshaus ums Eck und den Mitgliedsbeitrag beim kleinen politischen Verein lieber ohne elektronische Spuren. Es ließen sich viele Situationen finden, in denen der Wunsch, diese Information im kleinen Kreis zu halten, verständlich ist. Daten über den Gesundheitszustand oder die politische Meinung sind als sensible personenbezogene Daten per Gesetz besonders geschützt.