Die Chinesen kommen. Sie kommen nicht nur als Touristen, sondern als Aufkäufer von Hightechfirmen, Energieversorgern, Versicherungsgesellschaften, eingeführten Marken, Immobilien, ganzen Ländereien auf verschiedenen Kontinenten. Als Kreditgeber auch, vor allem in Entwicklungsländern. Sie kommen millionenfach – und mit Milliarden.

Bis in die 1970er Jahre war China ein Land, das sich hinter seiner Großen Mauer verbunkerte. Aber dann, Ende 1978, öffnete Deng Xiaoping das Reich der Mitte zur Welt und stieß es mit Macht auf den Pfad der Modernisierung. Kaum bemerkt vom Weltbewusstsein brachten die Chinesen ihre Wirtschaft auf den neuesten Stand. Und auf einmal waren sie da.

Von 2000 an gingen alle Entwicklungskurven steil nach oben: Bruttosozialprodukt, Pro-Kopf-Einkommen, Export. Heute sind sie die zweitgrößte Nationalwirtschaft, und demnächst werden sie die Vereinigten Staaten vom ersten Platz verdrängen. Die größte Handelsmacht sind sie schon. Und nun greifen sie immer kühner zu in der Welt.

Zunächst als Touristen. Im Jahre 1979 durften nur ganze 9.000 Chinesen ins Ausland reisen. Vor zwei Jahren waren es 116 Millionen. Davon kamen fast 5 Millionen nach Europa, allein 2 Millionen nach Deutschland, zweieinhalb mal mehr als zehn Jahre zuvor. Nach Ansicht eines Experten stehen 150 Millionen in der Warteschlange. 2030 könnten 5 Millionen nach Deutschland kommen, 15 bis 20 Millionen nach Europa. Die Heidelberger könnten sich noch zurücksehnen nach den Zeiten, da bloß die Japaner mit ihren viel besseren Manieren die malerische Hauptstraße bevölkerten.

Einen ähnlich drastischen Anstieg verzeichnet das Register der chinesischen Auslandsinvestitionen. Zwei Jahrzehnte war China vor allem Empfänger von ausländischen Anlagegeldern. Doch seitdem die Regierung 2000 die Devise Going Global, Going West ausgab, haben die chinesischen Unternehmen mehr und mehr jenseits der eigenen Grenzen investiert – die staatlichen Unternehmen zunächst, nun zunehmend die privaten, beide kräftig vom Staat alimentiert. Im Jahre 2014 legten sie 14 Milliarden Dollar in der Europäischen Union an, davon den Löwenanteil in der Bundesrepublik – teils durch Übernahmen von Firmen, größtenteils jedoch durch Engagement in sogenannte greenfield projects, Neugründungen auf der grünen Wiese. Insgesamt haben sie in Europa bisher 46 Milliarden Dollar angelegt, in Deutschland 7 Milliarden. Gezielt investieren sie in den Sektoren Energie, Automobil, Maschinenbau, Kommunikationstechnik, Immobilien und neuerdings Finanzdienstleistungen.

In der Bundesrepublik haben sie, um nur einige zu nennen, letzthin übernommen: den Maschinenbauer Kraus-Maffei (925 Millionen Euro), den Gabelstablerproduzenten Kion (430 Millionen Euro), die Pumpenhersteller Putzmeister und Schwing (Millionensumme unbekannt, angeblich mittlerer dreistelliger Bereich), die Automobilzulieferer Kiekert und Sellner, das Weingut Diehl-Blees.

Der Fokus liegt auf Afrika

Aber nicht nur bei uns langen die Chinesen zu. In der Schweiz haben sie Swissport, Swissmetal und Syngenta übernommen, in Schweden Volvo, in Griechenland einen Teil des Hafens von Piräus, in Portugal die Banco Esperitu Santo. In Belarus sind sie an dem Industriegroßprojekt Great Stone beteiligt. In Kambodscha erwarben sie eine Bioenergiefarm. In Australien und Neuseeland misslang ihr Versuch, in großem Stil Bauernland zu kaufen oder langfristig zu pachten, 77 Quadratkilometer in einem Falle, 138 in einem anderen: den Regierungen war der Deal zu riskant. Weitläufige Ländereien haben sie sich auch in Bolivien, Zentralasien, sogar Sibirien gesichert. Ob Milchfarmen, Weingüter oder Brauereien – alles steht auf ihrem Wunschzettel.

Afrika gilt das besondere Augenmerk der Chinesen. Dort sind sie seit 2009 der größte Kapitalgeber. Sie bauen Krankenhäuser, Flugplätze, Eisenbahnlinien, Straßen. 60 Milliarden Dollar haben sie dafür an Krediten vergeben, ohne nach Menschenrechten, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit zu fragen. In Algerien errichtet die China State Construction Engineering Corporation die größte Moschee mit dem höchsten Minarett der Welt.

Und wie in ihren besten Jahren die Japaner, so haben sich die Chinesen auch in USA festgesetzt. Sie kauften Motorola Mobility von Google und drangen mit dem Erwerb von Fidelity and Guarantee Life in den Versicherungssektor ein. Auch rissen sie sich zwei amerikanische Wahrzeichen unter den Nagel: in Hollywood das Studio Legendary Entertainment (3,5 Milliarden US-Dollar) und in New York das Traditionshotel Waldorf Astoria (1,95 Milliarden US-Dollar). Es steht dahin, ob sie mit ihren Erwerbungen glücklicher werden als vordem ihre japanischen Nachbarn. Die wurden mit Columbia und Metro Goldwyn Mayer nie glücklich, und das Rockefeller Center stießen sie in ihrer Verzweiflung nach zehn Jahren wieder ab.

Europa ist zu sehr mit sich selbst beschäftigt, um sich Gedanken über Chinas kommerzielle Expansionsstrategie zu machen. Zwar ist es möglich, dass die chinesische Wirtschaftskrise der Begehrlichkeit Schranken setzt; die meisten Übernahmen wie auch die Greenfield-Projekte wurden ja vom Staat bezuschusst – einem Staat, der mit 250 Prozent vom Bruttosozialprodukt höher verschuldet ist als Griechenland und dessen Unternehmen, staatliche wie private, bei ihm allesamt tief in der Kreide stehen. Schon sind die Devisenreserven in Pekings Schatzkammer von 4,5 auf 3,5 Billionen Dollar abgeschmolzen. Das mag die Spendierlust zügeln.

Zweifel an Chinas friedlichem Aufstieg

Wenn der Kaufrausch aber dennoch so weiter geht wie bisher? Dann lässt sich absehen, dass die chinesischen Investitionen wieder zum Problem werden. Ihre Akzeptanz wird aus mehreren Gründen schwierig: weil es keine volle Gegenseitigkeit des Marktzugangs gibt; weil die Gefahr nicht von der Hand zu weisen ist, das der Technologietransfer nach China auf die Dauer die eigene Konkurrenzfähigkeit untergräbt; weil Partnerschaft zur Industriespionage missbraucht werden könnte. Und nicht zuletzt, weil die ökonomische Ausdehnungsstrategie Teil einer chinesischen Globalstrategie sein könnte, die in erster Linie imperial-expansionistische Ziele verfolgt und nicht nur harmlosen handelspolitischen Zwecken dient.

Eine Harvard-Studie hat nachgewiesen, dass in zwölf von 16 Fällen, in denen während der zurückliegenden 500 Jahre eine aufstrebende Macht auf den Plan trat, Krieg die Folge war. Graham Allison, einer der führenden amerikanischen Polit-Theoretiker, nannte dies in Anlehnung an den säkularen Konflikt zwischen Athen und Sparta die "Thukydides-Falle": Wenn der Aufsteiger immer größere Ansprüche auf Mitsprache, Einfluss und Gestaltungsmacht stellt, die bisherige Vormacht jedoch in Furcht und sture Abwehr verfällt, um den Status quo zu bewahren, wird Konflikt unvermeidlich.

Chinas Führung betont Mal um Mal, dass ihr ein friedlicher Aufstieg des Reichs der Mitte am Herzen liege. Ihre globalen Ambitionen, am deutlichsten zu erkennen in dem doppelten Seidenstraßen-Konzept One Belt, One Road, ihre massive Aufrüstung, ihre brachiale Landnahmegewalt im Südchinesischen Meer lassen daran jedoch durchhaus Zweifel zu.

Pekings neue Seidenstraßen könnten sehr steinige Holperstraßen werden. Auf die Akzeptanz des chinesischen Investitionsengagements in unseren Breiten wird dies nicht ohne Einfluss bleiben.