In den letzten Jahren hat in Deutschland ein bemerkenswertes Umdenken stattgefunden. Bis Mitte des letzten Jahrzehnts dominierte die Angst vor Massenarbeitslosigkeit. Das Ende der Erwerbsarbeit wurde beschrieben. Inzwischen hat der Wind gedreht. Die Beschäftigung hat ein Rekordniveau erreicht. Vollbeschäftigung ist keine Utopie mehr, sie ist in greifbare Nähe gerückt – auch wenn Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte noch zu oft ohne Erwerbschance bleiben. Nun dominiert stattdessen der sich angeblich abzeichnende Fachkräftemangel die öffentliche Debatte.

Unisono wird in Deutschland aus den Prognosen eines erwartet starken Rückgangs der Menschen im Erwerbsalter ein steil ansteigender Mangel an Arbeits- und besonders Fachkräften abgeleitet. Keine Zahl scheint zu groß, um die drohende Lücke abzubilden. Fehlen Deutschland in einigen Jahrzehnten 8, 10 oder gar 15 Millionen Arbeitskräfte? Und sind als Folge des Fachkräftemangels Wohlstand und Wohlfahrt gefährdet? Das sind die Fragen, die viele erschrecken.

Richtig ist, dass hierzulande Fachkräfte knapper werden. Weniger Junge folgen auf die vielen Alten, die heute Schlüsselpositionen besetzen. Dennoch ist die Klage etwa der Wirtschaftsverbände über den beginnenden Fachkräftemangel kaum berechtigt. Es gibt gute makroökonomische Argumente dafür, dass der Fachkräftemangel eher ein Phantom und weniger ein unlösbares Problem ist.

Alleine schon die Digitalisierung wird die Arbeitswelt des 21. Jahrhunderts in einer Weise verändern, die heute bestenfalls ansatzweise erkennbar ist. An immer mehr Stellen werden Maschinen und Automaten menschliche Arbeitskraft ersetzen. Das alleine wird die Nachfrage nach Fachkräften komplett verändern und verringern. Selbstfahrende, selbstfliegende, selbststeuernde, rund um die Uhr einsatzbereite, nahezu fehlerfreie, hoch vernetzte, mit künstlicher Intelligenz ausgestattete Systeme werden an die Stelle von Menschen treten.

Zwar kommt das Zentrum für empirische Wirtschaftsforschung (ZEW) zum Ergebnis, dass hierzulande in den nächsten 10 bis 20 Jahren infolge des technologischen Wandels nur zwölf Prozent der Arbeitsplätze wegfallen könnten. Auch das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) der Bundesagentur für Arbeit erwartet, dass "in kaum einem Beruf der Mensch vollständig ersetzbar" sei. Die Folgen der Digitalisierung scheinen für den deutschen Arbeitsmarkt somit überschaubar zu sein.

Die Digitalisierung gleicht die demografischen Effekte aus

Wenn aber von den sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Deutschland nach Berechnung des IAB 40 Prozent in Berufen arbeiten, die nicht vom technologischen Wandel bedroht sind, heißt das im Umkehrschluss eben auch, dass 60 Prozent von der Digitalisierung nicht unberührt bleiben werden. Und auf die 45 Prozent der Beschäftigten, die in Berufen arbeiten, in denen ein beträchtlicher Teil der Tätigkeiten von Computern erledigt werden könnte, wird sich die Digitalisierung besonders stark auswirken.

Selbst wenn die in den nächsten Jahrzehnten durch die Digitalisierung ermöglichte Arbeitsersparnis stark überschätzt werden sollte, zeigt eine einfache Überschlagsrechnung, dass bereits moderate arbeitssparende Innovationen genügen, um allen Schreckensszenarien fehlender Fachkräfte jegliche Grundlage zu rauben. Wenn zwischen 2016 und 2060 pro Jahr eine Effizienzsteigerung von etwa einem Dreiviertelprozent erreicht wird, werden 2060 genau die 34 Millionen Erwerbspersonen gebraucht werden, die bei einer erwarteten Nettozuwanderung von jährlich 100.000 Personen in Deutschland verfügbar sein werden. Sollte die jährliche Nettozuwanderung sogar 200.000 Personen betragen, genügt bereits eine arbeitssparende Effizienzsteigerung von einem halben Prozent, damit sich die Effekte von Demografie und Digitalisierung gerade die Waage halten.