Der Mitgründer der AfD, Bernd Lucke © David Hecker/Getty Images

Das politische Koordinatensystem in den westlichen Demokratien ist seit einigen Jahren gehörig durcheinandergeraten. Die großen Volksparteien verlieren an Zuspruch, neue Akteure sind von Spanien bis Griechenland, von Deutschland bis hin zu den USA auf die politische Bühne getreten. Für ihren Aufstieg gibt es womöglich eine statistische Erklärung.

Ein Team von Ökonomen um den Bonner Professor Moritz Schularick ist der Frage nachgegangen, wie schwere Finanzkrisen sich auf die politische Landschaft von Demokratien auswirken (hier die Studie als PDF). Dazu haben die Forscher Daten der vergangenen 140 Jahre gesammelt, die ökonomischen Werte von 20 entwickelten Volkswirtschaften verglichen und 800 Wahlergebnisse untersucht. Das Ergebnis: Nach schweren Finanzkrisen profitieren gerade rechte und rechtsextreme Parteien von den ökonomischen Wirren, durchschnittlich können sie bis zu 30 Prozent der Wählerstimmen hinzugewinnen. Aber nicht nur die Rechten legen zu, insgesamt zersplittert das politische System.

Dabei kommt den Bankenkrisen eine besondere Rolle zu, wie die Untersuchung des Forscherteams zeigt. Es hat nämlich auch andere Arten von volkswirtschaftlichen Schocks ausgewertet, etwa Naturkatastrophen oder der Preisverfall von Gütern, der einzelne Länder sehr stark betreffen kann. Das Wirtschaftswachstum kann dann genauso stark betroffen sein, die Arbeitslosenzahlen können genauso stark steigen – es gibt aber keine Bankenprobleme. "In diesen anderen schweren Krisen fallen die politischen Reaktionen nicht so extrem aus", sagt Ökonom Schularick. In Bankenkrisen hingegen hätten die Menschen Angst davor, ihr Geld zu verlieren.

Kontinuität, aber gegen das Establishment

Wie aber lassen sich die wiederkehrenden Wählermuster erklären? Dass es in den ersten Wahlen nach einer Krise zu Wechseln an der Spitze des Staates kommt, ist zunächst kaum verwunderlich. "Wegen der Schwäche der Regierung in der Krise sind viele verunsichert, ob der politische Kurs noch stimmt", sagt Schularick. Auf dem politischen Markt kämen dann mehr Akteure mit Ideen dazu, wie es anders laufen könnte.

Warum aber gerade die Rechten so stark abschneiden, dafür gibt es mehrere Erklärungen. Die Forscher kommen zu dem Schluss, dass die erste politische Reaktion auf Finanzkrisen meist eine Suche nach Stabilität in der Unordnung sei. Die Welt scheint aus den Fugen geraten zu sein, man möchte keine Experimente wagen. "Die rechten Parteien haben in dieser Situation den Vorteil, zwar anders als das Establishment zu sein, aber eine gewisse Form von Kontinuität und Ordnung anzubieten", sagt Schularick.

Anarchistische oder revolutionäre linke Konzepte hingegen hätten es vor allem in der ersten Phase nach dem Schock schwer – obwohl sie das kapitalistische System infrage stellen, das die Krise erst hervorgerufen hat. Außerdem neigten die Rechten dazu, bestimmte Bevölkerungsgruppen für die Lage verantwortlich zu machen, etwa Ausländer. "Das scheint für Wähler eine bestimmte Attraktivität zu haben", sagt Schularick.

Behalten die Befunde der Ökonomen auch ihre Gültigkeit, wenn sie mit der politischen Situation in den Jahren nach der Finanzkrise von 2008 verglichen werden? In den Untersuchungen betrachteten die Forscher vor allem die Zeiträume von etwa fünf Jahren nach Beginn einer wirtschaftlichen Verwerfung. Nimmt man das Beispiel Griechenland, in dem die Staatschuldenkrise im Jahr 2010 voll ausbrach, bestätigen sich die Ergebnisse: Zwei Jahre nach Beginn der Krise gab es einen ersten Regierungswechsel, der Konservative Antonis Samaras wurde Ministerpräsident. Gleichzeitig vollzog sich der Aufstieg der rechtsextremen Partei Goldene Morgenröte, die nie zuvor im griechischen Parlament vertreten war. In der Wahl 2012 erhielt sie fast sieben Prozent der Stimmen und hält sich seitdem stabil bei mehr als sechs Prozent.

Links kommt später

Auch in Spanien profitierte in der Wahl 2011 zwar zunächst die konservative Partido Popular, doch wie in Griechenland fragmentierte infolge der Krise das Parteiensystem weiter aus, es kamen neue Akteure von links ins Spiel. "Wenn der Moment der akuten Krise vorbei ist, die wirtschaftliche Erholung aber nur sehr schleppend vorankommt, dann scheinen davon auch linke Parteien zu profitieren", sagt Schularick. "Syriza in Griechenland und Podemos in Spanien sind auch nicht sofort nach dem Krisenausbruch stark geworden. Es war ein nachgelagerter Effekt."

Und wie passen die Forschungsergebnisse zu Deutschland? Zunächst lasse sich feststellen, dass die Linke kaum Zugewinne erzielt habe – trotz des drohenden Zusammenbruchs des Finanzsystems, sagt Schularick. Außerdem könne auch in Deutschland das Aufbrechen bisheriger politischer Strategien beobachtet werden. Die FDP etwa ist fast ganz von der bundespolitischen Bildfläche verschwunden, dafür kam ein neuer, zunächst rechtsliberaler Akteur hinzu: die Alternative für Deutschland. Eine Partei, die sich aus dem Widerstand gegen die Euro-Rettungspolitik der Bundesregierung gegründet hat und gegen das politische Establishment.