Ein afghanischer und ein indischer Flüchtling in einer Fortbildungsakademie in Dresden ©  Oliver Killig/dpa

Wenn es in der Flüchtlingskrise um Zahlen geht, gerät häufig einiges durcheinander. Ein Mann wie Frank-Jürgen Weise schafft da gerne Ordnung. Ist schließlich sein Job. Als Leiter des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge kümmert er sich nicht nur um die Bearbeitung der Asylanträge von Hunderttausenden, er soll in seiner zweiten Funktion als Vorsitzender der Bundesagentur für Arbeit auch dafür sorgen, dass diese Hunderttausenden bald einen Job bekommen. Nur, erst einmal muss klar sein, von wie vielen Menschen wir überhaupt sprechen.

Weise steht an einem Rednerpult. Vor ihm: Hunderte Verwaltungsangestellte von Kommunen aus ganz Deutschland, Vertreter von Flüchtlingsorganisationen, Wirtschaftsverbänden und Unternehmen. Alle haben sich zu einer Tagung in Berlin versammelt, um zu beraten, wie sich die Integration der Flüchtlinge und ihre Eingliederung in den Arbeitsmarkt organisieren lässt. Weise sagt, in den vergangenen drei Jahren seien insgesamt 1,2 Millionen Menschen nach Deutschland gekommen. Nur die Hälfte dieser Neuankömmlinge habe aber eine dauerhafte Bleibeperspektive, also etwa 660.000 Menschen. "Das ist keine Überflutung von Deutschland", stellt er nüchtern fest. Es sei aber auch nicht unbedingt ein Glück, sondern eine "Belastung für den Arbeitsmarkt".

Weise sagt, dass 70 Prozent der Flüchtlinge im arbeitsfähigen Alter seien, viele wären sogar sehr jung. Nur etwa zehn Prozent könnten eine höhere oder akademische Bildung vorweisen und hätten Fremdsprachenkenntnisse wie Englisch und Französisch. Das sind die möglichen Fachkräfte, nach denen Deutschland sich so sehnt. Leicht vermittelbar, sobald sie ein bisschen Deutsch gelernt haben. Umso schwieriger wird es mit dem weitaus größeren Teil der Einwanderer, die solche Fähigkeiten nicht vorweisen können, zumal nicht auf Papier.

Branchenspezifische Sprachkurse

Michael van der Cammen leitet in der Bundesagentur für Arbeit den Bereich Migration und Flüchtlinge. Seine Abteilung hat einen Prozessplan entwickelt, mit dem eine Vermittlung in den Jobmarkt möglichst gut funktionieren soll, auch für gering Qualifizierte. "Viele haben noch nie eine Schule von innen gesehen", sagt van der Cammen. "Aber sie schlüsseln schon seit 15 Jahren an Autos herum." Solche Fähigkeiten müssten möglichst früh erfasst und mit in die Datenbanken eingepflegt werden. Bei sehr vielen Flüchtlingen gebe es das Problem, dass sie zwar über spezielle Qualifikationen verfügten, diese aber formell nicht zertifiziert seien, weil sie auch nie nach deutschen Standards erworben wurden.

Flüchtlinge - "In Syrien war ich Lehrer, hier möchte ich den Beruf wechseln" Auf Berlins bislang größter Jobmesse für Flüchtlinge haben sich Asylbewerber und Arbeitgeber kennengelernt. Für beide Seiten ist das eine neue und bisweilen auch ernüchternde Erfahrung.

Was bedeutet das in der Praxis? Die Arbeitsagentur hat sich hierfür die Expertise der Berater von der Boston Consulting Group eingeholt, die ein ähnliches Konzept zur beruflichen Eingliederung von Jugendlichen bereits für BMW entwickelt und nun umgearbeitet hat. Der Titel der Initiative lautet vielsagend: Joblinge. Der Leitsatz: Maßnahmen wie Sprachkurs und berufliche Orientierung nicht nacheinander abspielen, sondern parallel.

Es zeige sich, sagt die Projektleiterin Petra Rahn, dass die meisten Flüchtlinge mit der Vorstellung nach Deutschland kämen, hier gleich arbeiten zu können. Diese Energie solle aber nicht sinnlos unterbunden werden. Viel besser sei es, möglichst früh mit einem Praktikum im Unternehmen zu starten und gleichzeitig einen branchenspezifischen Sprachkurs zu belegen, um sich genau für diese Arbeit vorzubereiten. In den Branchen Hotel, Gastronomie und Lager habe man mit diesem Ansatz bereits gute Erfahrungen gemacht. Wenn die Berufseinsteiger nach etwa einem Jahr mit dem deutschen Arbeitsumfeld vertraut sind und gute Grundkenntnis der Sprache erworben hätten, könne auch eine höhere Ausbildung angestrebt werden.

Flüchtlinge brechen Ausbildung ab

Wie wichtig eine genaue Erfassung der Fähigkeiten und Wünsche der Flüchtlinge auf Jobsuche ist, hat auch Christoph Wesselmann erfahren. Er ist Vorstand des Unternehmens Jobnet.AG, das unter anderem eine onlinebasierte Software zur Arbeitsplatzvermittlung anbietet. Auf dem Kongress in Berlin steht Wesselmann an einem kleinen Stand zwischen Prospekten und Süßigkeiten. "Wir erleben, dass Flüchtlinge, die das Glück hatten, tatsächlich eine Ausbildung beginnen zu können, nach nur wenigen Monaten diese selbst wieder abbrechen", sagt Wesselmann. Das liege häufig auch am geringen Verdienst in der Ausbildungszeit, mit dem man meist keine Familie ernähren, geschweige denn Schulden bei Schleppern abzahlen könne. Daher sei es sinnvoll, genau zu prüfen, wer sich für welchen Weg eigne.

Die Bezahlung ist ohnehin ein sensibles Thema in der Diskussion um eine Eingliederung von Flüchtlingen in den Arbeitsmarkt. Länger schon versuchen die Arbeitgeberverbände, Ausnahmen vom Mindestlohn für diesen Bereich zu erwirken. Bisher aber blockiert das die Bundesregierung. Der oberste Flüchtlingsmanager Weise positioniert sich dabei klar. "Nein", sagt er "auf keinen Fall darf es eine Diskussion um den Mindestlohn geben." Bei aller Flexibilität, die Deutschland nun von allen Akteuren in der Flüchtlingskrise erwartet, dürfe es hier keine Bewegung geben.