Ein Flüchtlingsheim in Berlin Hohenschönhausen © Reuters

ZEIT ONLINE : Herr Fuest, wissen Sie eigentlich wie hoch Ihre Sparquote ist?

Clemens Fuest: Ehrlich gesagt, die habe ich noch nie ausgerechnet. Mit Sicherheit ist sie aber zu niedrig.

ZEIT ONLINE: Bei den niedrigen Zinsen lohnt sparen sowieso nicht, oder?

Fuest: Ich habe Schulden aufgenommen – für mein Haus. Die zahle ich gerade ab. Ich bin also ein Gewinner der niedrigen Zinsen. Aber ansonsten haben Sie recht. Sparen macht momentan keinen Spaß, weil die Renditen zu gering sind. Das heißt aber nicht, dass man nicht sparen sollte.

ZEIT ONLINE: Sollten nicht viel mehr Leute Schulden machen wie Sie?

Fuest: Schulden können sinnvoll sein, ja. Aber es kommt immer auf den Einzelfall an. Entscheidend ist nicht nur das Zinsniveau, sondern beispielsweise auch das Einkommen der jeweiligen Person.

ZEIT ONLINE: Finanzminister Wolfgang Schäuble erzielt gerade sehr hohe Einnahmen und er kann sich quasi zum Nulltarif verschulden. Sollte er mehr Schulden machen, um notwendige und sinnvolle Investitionen zu tätigen?

Fuest ist Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Mannheim, Präsident des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW) sowie Mitglied des Wissenschaftlichen Beirates beim Bundesministerium der Finanzen. Ab dem 1. April wird Fuest neuer Präsident des Ifo Institut für Wirtschaftsforschung. © dpa

Fuest: Naja, Wolfgang Schäuble hat bereits sehr viele Schulden. Deshalb muss er sparen und versuchen, weiterhin Überschüsse erzielen. Die Finanzlage wird nicht immer so gut bleiben.

ZEIT ONLINE: Gerade muss Schäuble mehr Geld ausgeben, um die Flüchtlinge zu versorgen und zu integrieren.

Fuest: Es ist unstrittig, dass diese Ausgaben notwendig sind. Streiten kann man aber über die Idee von Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel, jetzt auch mehr Geld für die heimische Bevölkerung auszugeben. Das halte ich nicht für sinnvoll.

ZEIT ONLINE: Warum?

Fuest: Die Flüchtlingskrise zwingt uns, mehr Geld auszugeben. Deshalb sollten wir in anderen Bereichen sparen. So würde jeder Privathaushalt handeln. Gesamtwirtschaftlich gesehen ist das nicht wirklich anders. Die Bevölkerung wird von der Politik in die Irre geführt: Wir können die Belastung durch die Zuwanderung nicht ausgleichen, indem wir mehr Schulden machen. Diejenigen, denen man jetzt Wohltaten verspricht, müssen sie später wieder zurückzahlen. Das ist eine Frage der Logik.

ZEIT ONLINE: Sigmar Gabriel reagiert auf eine Stimmung in der Bevölkerung. Für die Flüchtlinge sei plötzlich Geld da, für die anderen großen Probleme im Land aber nicht, monieren viele.

Fuest: Fakt ist: Durch die Flüchtlinge ist jetzt weniger Geld da als vorher. Solidarität mit den Flüchtlingen finde ich persönlich und auch eine Mehrheit der Deutschen richtig. Aber Solidarität heißt: teilen. Da ist es egal, was man vorher ausgeben wollte oder meint, ausgeben zu müssen. Es ist weniger Geld für anderes da, Punkt.