Tausende Menschen drängen sich auf dem Kai von Brindisi, weitere Tausende sind noch an Bord der Schiffe im Hafen der süditalienischen Stadt. Die Behörden organisieren einen notdürftigen Shuttleservice zum Fußballstadion, um dort all die Flüchtlinge vorerst unterzubringen, die von Albanien auf rostigen Kähnen die Adria Richtung Apulien überquert haben.

Die Bilder von vor fast genau 25 Jahren, vom 7. März 1991, sind Geschichte – und doch sind sie für Italien plötzlich wieder hochaktuell. Seit der weitgehenden Abriegelung der Balkanroute für aus Griechenland kommende Flüchtlinge wächst in Rom die Furcht, dass die Flüchtlingsströme neue alte Wege finden könnten, den Weg über Albanien und die Adria, den Weg auch über Libyen und das Mittelmeer Richtung Lampedusa.

Für die Regierung unter Ministerpräsident Matteo Renzi nimmt damit auch wieder die Sorge Gestalt an, das Land könne erneut allein gelassen werden vom Rest Europas. Kaum eine andere Regierung hatte Angela Merkels Wende in der Flüchtlingspolitik vom September 2015 so enthusiastisch begrüßt wie die Italiens. Renzi äußerte damals, Europa vollziehe nun endlich "einen Kurswechsel, über den Italien nur glücklich, auf den es nur stolz sein kann".

Umverteilung hatte Italien lange gefordert

Schließlich hatte Italien schon seit Jahren gefordert, die Flüchtlingspolitik müsse endlich zur europäischen Angelegenheit werden, sie dürfe nicht auf einzelne zufällig wegen ihrer Grenzlage exponierte Staaten abgeladen werden. Dass Merkel nun die Dublin-Verordnungen – nach denen jeder Staat für die zuerst bei ihm eingetroffenen Flüchtlinge zuständig ist – für Makulatur erklärte, dass sie zugleich bekundete, sie wolle unbedingt an der Schengen-Freizügigkeit festhalten: Dies war ganz nach Geschmack des jungen italienischen Regierungschefs. Die Umverteilung der Flüchtlinge auf ganz Europa hatte Italien immer schon eingeklagt.

Denn bis 2014 waren es vor allem die Küsten Lampedusas und Siziliens gewesen, die von Menschen mit Fluchtziel Europa angesteuert wurden. Als am 3. Oktober 2013 unmittelbar vor Lampedusa 368 Menschen vor allem aus Eritrea beim Kentern ihres Schiffs elend ertranken, drang diese Tatsache über Italiens Grenzen hinaus ins Bewusstsein. Der damalige EU-Kommissionspräsident José Manuel Barroso und zahlreiche andere Politiker reisten an und bekundeten ihre Betroffenheit. Doch betroffen blieb Italien vorerst allein, während die Flüchtlingszahlen stiegen.

Zum Beispiel die nach der Katastrophe vor Lampedusa aufgelegte Seenotrettungsmission Mare Nostrum: Die EU hielt sich raus, und Deutschlands Innenminister Thomas de Maizière beschwerte sich, mit seinen Einsätzen bis direkt vor der libyschen Küste betreibe Italien "Beihilfe zum Schlepper-Unwesen". Im Jahr 2014 schnellten die Ankünfte auf 170.000 hoch, von denen fast zwei Drittel jedoch Italien in Richtung Norden verließen. De facto hatte die Regierung in Rom die Dublin-Regelungen still und leise auf Eis gelegt; auch dies löste in Berlin Irritationen aus.

Doch mit Merkels Wende vom September 2015 wurden Italien und Deutschland von Gegenspielern zu Alliierten in der Flüchtlingskrise, die sich gemeinsam für "europäische Lösungen" starkmachten. Mehr noch: Italien fand sich nun auf einmal im Windschatten der Krise, 2015 gingen die Flüchtlingszahlen auf gut 150.000 zurück, während sie in Griechenland in die Höhe schossen. Positiv auch wurde von der Regierung Renzi vermerkt, dass die EU sich auf einen ersten Verteilungsplan von 160.000 Flüchtlingen aus Griechenland, Italien und Ungarn auf die anderen Staaten der Union einigte.

Doch die neue Harmonie wenigstens mit Deutschland könnte bald der Vergangenheit angehören. Die letztes Jahr vereinbarte Flüchtlingsverteilung will nicht in Gang kommen – bloß ein paar Hundert der vereinbarten 160.000 sind effektiv aus Griechenland und Italien in andere Länder ausgereist. Im Februar kündigte Österreich dazu noch an, es wolle an allen Grenzübergängen angefangen, beim Brenner wieder Grenzkontrollen einführen; "die Brenner-Route so schnell wie möglich dichtmachen" will die Wiener Regierung nach den Worten des Verteidigungsministers Hans Peter Doskozil. Der stille Weg über die Alpen Richtung Deutschland oder Skandinavien wäre damit auch für die über Italien nach Europa gelangten Flüchtlinge versperrt.