Was sich seit mehreren Wochen an der Grenze zwischen Mazedonien und Griechenland abspielt, ist das vorhersehbare Ergebnis europäischer Politik – so unfassbar es auch sein mag. Tausende Familien harren in einfachen Campingzelten aus, die nach starken Regenfällen im Schlamm versinken. Viele Kinder sind aufgrund der Kälte und der Nässe krank geworden. Am Wochenende starben drei Menschen bei dem Versuch, die Grenze zu Mazedonien zu überwinden. Sie sind in einem Fluss ertrunken.

Am Montag hat eine Gruppe von etwa 1.000 Flüchtlingen erneut versucht, illegal nach Mazedonien zu gelangen. Offenbar haben Aktivisten die Aktion mit Flugblättern angezettelt, doch auch das zeigt nur, wie verzweifelt die Menschen im Lager von Idomeni sein müssen. Den meisten wird klar gewesen sein, dass sie ihr Leben und das ihrer Kinder riskieren, dass die Polizei auf der mazedonischen Seite nur auf sie wartet, um sie nach Griechenland zurückzuschicken.

Mit der Abschottung wollen große Teile der Europäische Union ein klares Signal senden: Es lohnt sich nicht, ihr kommt nicht rein. Also versucht es gar nicht. Die Folgen dieser Politik scheint vielen EU-Ländern egal zu sein. Sie nehmen das Leid von Tausenden in Kauf, um sich der eigenen Verantwortung in der Flüchtlingskrise zu entziehen. Eine echte europäische Lösung ist trotz der wiederholten Gipfel in Brüssel immer noch nicht in Sicht. Die 28 EU-Staaten erklärten sich zwar auf dem Papier dazu bereit, ein paar Hunderttausend Flüchtlinge innerhalb der Union zu verteilen, doch kaum ein Staat außer Deutschland ist dieser Verpflichtung bislang nachgekommen.

Einfachster und hässlichster Weg

In Europa ist man am Ende immer noch sich selbst am nächsten. Das Flüchtlingsproblem wird einfach dem Schwächsten in der Gemeinschaft überlassen: Griechenland. Einem Land, das seit sechs Jahren mit der schwersten Wirtschaftskrise seit dem Zweiten Weltkrieg zu kämpfen hat. Die Regierung in Athen unternimmt ihr Möglichstes, um die chaotische Situation an der Grenze zu entschärfen. Das griechische Militär hat in kurzer Zeit genügend Notunterkünfte geschaffen, um die im Land gestrandeten Flüchtlinge zu versorgen. Die Menschen in Idomeni aber wollen die Grenze nicht verlassen, obwohl dort Busse bereitstehen, die sie zurück nach Athen bringen könnten.

Auch hier wird es letztlich auf eine Lösung hinauslaufen, die man nicht anders als würdelos bezeichnen kann. Um noch mehr Elend und eine weitere Eskalation in Idomeni zu vermeiden, wird die griechische Regierung das Camp gewaltsam räumen lassen. Polizisten werden Frauen und Kinder in die Busse zwängen, um sie in die Aufnahmelager zu bringen.

In Warschau, Wien, oder Budapest scheint das aber niemanden zu interessieren. Europa wählt in der Flüchtlingskrise den einfachsten und denkbar hässlichsten Weg. Die Grenzen und Augen werden geschlossen, die Probleme ignoriert.

Idomeni - Dramatische Szenen bei Flussüberquerung von Flüchtlingen Bis zu 2.000 Migranten sind am Montag trotz geschlossener Grenze von Griechenland aus auf mazedonisches Gebiet vorgedrungen. Szenen von der Flussüberquerung