Nachdem ein Flüchtling versucht hat, sich anzuzünden, läuft er durch das Lager von Idomeni. © Andrej Isakovic/AFP/Getty Images

Die Nachricht von den Bombenanschlägen in Brüssel verbreitet sich am Dienstag sehr schnell im Flüchtlingslager von Idomeni an der griechisch-mazedonischen Grenze. Etwa 500 Menschen besetzen die Bahnschienen und skandieren: "Öffnet die Grenze!" Kinder halten Schilder hoch oder beschriften ihre nackten Oberkörper mit "Es tut uns leid für Brüssel" oder "Ich hasse Isis". Die 20-jährige Hannah Kodmani stellt sich mit einem Megafon auf kleines Podest. "Seht nur, was in Brüssel geschehen ist", ruft sie. "Wir sind aus Syrien geflohen, weil auch wir unter den Dschihadisten gelitten haben." Die Menge applaudiert.

Später sagt Kodmani ZEIT ONLINE: "Wir wollen doch nur, dass die Grenze geöffnet wird und wir in einem sicheren Land leben können. Seit 30 Tagen sitzen wir in Idomeni fest. Wir sind doch nur Mensch und keine Terroristen." Trotz der harten Bedingungen wollen die Menschen das Camp nicht verlassen. In einem offiziellen Lager der griechischen Regierung im Landesinneren würde man sie vergessen, sagt die junge Syrerin. In Indomeni dagegen würde die internationale Presse über ihre Lage und die Demonstrationen berichten.

Nach den Terroranschlägen in Brüssel wächst die Sorge, dass die Balkanroute für die Flüchtlinge nun ein für alle Mal geschlossen bleibt. Die Stimmung ist angespannt. Um auf ihre Lage aufmerksam zu machen, greifen die Menschen zu immer drastischeren Mitteln. Zwei Flüchtlinge versuchen am Dienstag sich anzuzünden. Mit brennenden Kleidern laufen sie durch die Menschenmenge, andere stürzen hinterher und versuchen das Feuer zu löschen. Die beiden Männer erleiden Verbrennungen am ganzen Körper und werden später in einem Krankenhaus behandelt.

Idomeni - Flüchtling hat sich aus Protest selbst angezündet Die Situation im griechischen Flüchtlingslager Idomeni ist sehr angespannt. Mehr als 12.000 Menschen harren schon seit Tagen unter hygienisch problematischen Zuständen aus. Sie fordern die Möglichkeit einer Weiterreise.

Wann erfolgt die Räumung?

Andere Flüchtlinge haben den Eingang des Camps mit Gittern und Mülleimern versperrt. Viele sind in einen Hungerstreik getreten, manche hindern sogar Hilfstransporte daran, das Lager zu beliefern. Einige internationale Hilfsorganisationen haben ihre Mitarbeiter auch deshalb abgezogen. "Wir fühlen uns dort nicht mehr sicher und wissen nicht, ob wir zurückkehren werden", sagt Antonis Rigas, Leiter von Ärzte ohne Grenzen in Idomeni ZEIT ONLINE. Die Folge: Für die insgesamt 13.000 Menschen im Camp gibt es keine Essensausgabe und keine medizinische Versorgung mehr.

Am Abend eskaliert die Lage erneut zwischen jenen Flüchtlingen, die die Bahnschienen besetzt halten, und einer anderen Gruppe, die mit den Demonstrationen aufhören möchte. "Wir haben nicht einmal mehr Milch für die Kinder", rufen einige verzweifelt. Aus Athen meldet sich an diesem chaotischen Tag der Migrationsminister Ioannis Mouzalas zu Wort: "Idomeni wird im April geordnet aufgelöst", sagt er. "Wenn wir es so lassen, wird es zu einem neuen Calais." In dem französischen Lager am Eingang zum Tunnel unter dem Ärmelkanal herrschen seit Monaten katastrophale Zustände.

Die Räumung von Idomeni könnte schon früher erfolgen, als der Minister angedeutet hat. Das zumindest erfuhr ZEIT ONLINE aus örtlichen Polizeiquellen. "Das große Problem ist, dass die insgesamt 13.000 Menschen sehr gewaltsam reagieren könnten", heißt es von der Polizei. "Außerdem wissen wir noch nicht, wohin wir diese Menschen bringen sollen. Die neuen Camps sind noch nicht fertig."