Eine halbe Gurke für 30 Cent, 130 Gramm Leberkäse für 56 Cent, 200 Gramm Kartoffelsalat für 34 Cent. Dieser Menüvorschlag für das Abendessen eines Hartz-IV-Empfängers stammt aus dem Jahr 2008. Geschrieben hat ihn seinerzeit Thilo Sarrazin, Sozialdemokrat, damals Finanzsenator von Berlin. Er wollte zeigen, dass die Sätze der Sozialhilfe ausreichend hoch seien, um armen Menschen eine gesunde Ernährung zu ermöglichen.

Die inzwischen viel zitierten Daten des Berliner Robert-Koch-Instituts (RKI) zeigen nun: Je ärmer ein Mensch in Deutschland ist, desto höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass er früh stirbt. Das liegt den Forschern zufolge auch daran, dass sich ärmere Menschen schlechter ernähren. Anders als der populistische Menüvorschlag von Sarrazin suggerieren mag, kostet gesundes Essen tatsächlich mehr als ein paar Centbeträge. Gesundes Kochen erfordert zudem Wissen um Vitamine, Proteine, Fette und Kohlenhydrate. 

Die Lebenserwartung richtet sich allerdings nicht nur nach der Ernährung. Ausschlaggebend ist, den Forschern zufolge, wie gesund sich jemand ganz allgemein verhält. Wie viel bewegt man sich? Wie viel raucht oder trinkt jemand? Bildung und Arbeitsbedingungen wirken sich ebenfalls auf die Lebensdauer aus.

Reiche Männer leben elf Jahre länger

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler des RKI die Deutschen in fünf Einkommensgruppen eingeteilt und ihre Lebenserwartungen verglichen. Zentrales Ergebnis: Männer aus der reichsten Gruppe leben durchschnittlich rund elf Jahre länger als Männer aus der ärmsten Gruppe. Bei Frauen beträgt der Unterschied immerhin noch acht Jahre.

Lebenserwartung

Durchschnittliche Lebenserwartung von Neugeborenen der Jahre 2011 bis 2013

Der Blick auf die Deutschlandkarte macht es deutlich: Die Lebenserwartung in struktur- und einkommensschwachen Regionen liegt – vor allem für Männer – deutlich niedriger als in Gegenden mit hohen Einkommen. Besonders betroffen sind weite Teile Ostdeutschlands, aber auch das Ruhrgebiet und Franken.

Karten zur Anzahl von Hartz-IV-Empfängern, zum Durchschnittseinkommen und zur Zahl der überschuldeten Personen in den Regionen illustrieren den vom Robert-Koch-Institut belegten Zusammenhang zwischen Armut und geringer Lebenserwartung im Detail. Vor allem in Regionen, wo viele Menschen Hartz IV beziehen, das Durchschnittseinkommen geringer ist als anderswo und viele überschuldet sind, ist die Lebenserwartung eher gering.

Faktoren für ein kurzes Leben

Insgesamt wird Deutschland älter

Klar ist aber auch: Insgesamt ist die Lebenserwartung in Deutschland in den vergangenen Jahrzehnten deutlich gestiegen. Noch 1950 lag sie im Durchschnitt bei 64,6 Jahren für Männer und 68,5 Jahren für Frauen. 2014 war sie für neugeborene Babys beiderlei Geschlechts rund 14 Jahre höher.

Auffällig: In einer Stadt wie Pirmasens in Rheinland-Pfalz, einst wohlhabend, aber seit den 1970er Jahren von steigender Arbeitslosigkeit geprägt, stagniert die Lebenserwartung der Frauen, für die Männer stieg sie in den vergangenen Jahren deutlich langsamer als anderswo. Und in Ostdeutschland ist die Lebenserwartung viel stärker gestiegen als anderswo, liegt sie in der Regel immer noch unter dem gesamtdeutschen Mittel.

Die Lebenserwartung steigt fast überall

Entwicklung der Lebenserwartung für Neugeborene seit 1995 (3-Jahres-Durchschnitte). Jede Linie steht für einen Landkreis oder eine kreisfreie Stadt. Pirmasens ist hervorgehoben.

Lebenserwartung, Deutschland, Landkreis, Pirmasens

Bildung macht den Unterschied

Auch Krankheiten haben bei Menschen mit niedrigem Einkommen deutlich schlimmere Folgen als bei wohlhabenden. So ergab eine Langzeitstudie von Wissenschaftlern im Raum Augsburg zwischen 1984 und 2002: Erleidet eine Frau mit niedrigem Einkommen einen Herzinfarkt, lebt sie im Schnitt elf Jahre weniger als eine gesunde Frau der gleichen Einkommensgruppe; trifft der Infarkt eine wohlhabende Frau, sind es nur vier Jahre. Bei ärmeren Männern beträgt der Unterschied fünf Jahre, bei reicheren Männern vier Jahre.

Manchmal leben Arme auch einfach riskanter als Wohlhabende. Zum Beispiel zeigen Daten des Mikrozensus, dass sie früher, länger und stärker rauchen. Die gewerkschaftsnahe Hans-Böckler-Stiftung hat einen Raucherquotienten entwickelt, der die Korrelation zwischen niedrigem Einkommen und starkem Zigarettenkonsum bestätigt.

Vieles hängt damit zusammen, wie gut Menschen über Gesundheit Bescheid wissen. "Wer eine bessere Bildung genossen hat, der kommt nicht nur in körperlich weniger belastende Jobs, sondern lebt häufig risikobewusster", sagt Lars Eric Kroll, Soziologe am Robert-Koch-Institut in Berlin. "Bildung ist aus unserer Sicht der wichtigste Faktor, um Unterschiede in der Lebenserwartung zu verringern."

Wenn Politiker den Armen zu einem gesünderen und längeren Leben verhelfen wollen, müssen sie sich also zunächst um Aufklärung bemühen. Das alleine reicht aber nicht. Arme leben häufig sozial isoliert, zum Beispiel weil sie als Arbeitslose weniger unter Menschen sind als andere, oder weil sie wegen ihres geringen Einkommens weniger ausgehen können. Viele stehen unter starkem existenziellen Stress, oder sie leiden wegen ihrer schlechten Zukunftsperspektiven unter Depressionen.

Die Kommunen haben die Lösung

Was tun? Die Kommunen wären am dichtesten an den Menschen dran. Sie könnten beispielsweise arme Eltern aktiv in Kitas und Schulen ansprechen, Langzeitarbeitslose in den Arbeitsagenturen, allein lebende Senioren durch Hausbesuche. Bisher aber tun sie das noch zu wenig. Das sagt zumindest Stefan Pospiech, der Geschäftsführer von Gesundheit Berlin-Brandenburg e.V., der jedes Jahr den Kongress Armut und Gesundheit veranstaltet. "Städte und Gemeinden sind zwar verantwortlich für Prävention und Gesundheitsförderung, aber das sind freiwillige Aufgaben", sagt er. Das Geld für den öffentlichen Gesundheitsdienst sei in den letzten Jahren stark gekürzt worden. Und wo es gute Angebote gebe, würden sie zu wenig koordiniert. "In vielen Städten kommunizieren Sozialämter, Gesundheitsämter und Jugendämter viel zu wenig", sagt Pospiech. Auch karitative Dienste würden zu wenig einbezogen.

In Pirmasens, der Stadt mit der auffallend niedrigen Lebenserwartung, versucht man jetzt die Absprachen zu verbessern. Ein "Pakt für Pirmasens" soll staatliche und ehrenamtliche Initiativen miteinander vernetzen, um armen Kindern bessere Zukunftsperspektiven zu verschaffen. "Die Risikofaktoren geringer Bildungsstand, hohe Arbeitslosigkeit und geringes Einkommen sollten sich damit in Zukunft verringern", sagt eine Sprecherin der Stadt. Andere Kommunen tun sich zusammen, um voneinander zu lernen. Im bundesweiten Gesunde Städte-Netzwerk kann sich Aschaffenburg mit Oldenburg austauschen, Kaiserslautern mit Chemnitz. Was läuft in Würzburg gut? Was kann in Bad Liebenwerda verbessert werden? Pirmasens ist dort allerdings kein Mitglied.

Kontakte schaffen, wo keine existieren

"Wichtig sind niedrigschwellige Angebote", sagt Stefan Pospiech. Er meint damit Angebote, denen Arme vertrauen können – vermittelt durch Menschen, denen sie vertrauen. "Was wir eher technisch Multiplikator nennen, bedeutet im praktischen Leben zum Beispiel eine türkischsprachige Mutter, die ein Elterncafé in der Kita oder der Schule betreibt." In Berlin schafft so etwas das Projekt Stadtteilmütter, in dem zum Beispiel türkisch-, arabisch- und russischsprachige Frauen miteinander darüber reden, wie sie gesund kochen können, welche Websites und Apps für ihre Kinder gut oder schlecht sind und wie sie erziehen können ohne Gewalt.

Um Langzeitarbeitslose zu erreichen, arbeitet Pospiechs Verein mit Arbeitsvermittlern in den Arbeitsagenturen zusammen. In Berlin werben sie beispielsweise für die sogenannten Stadtteilzentren wie in Marzahn-Hellersdorf. Hier könnten Menschen kostenlos an Gesundheitsprogrammen, an Sport- oder Kochkursen teilnehmen. Ältere und allein lebende Menschen, die oft kaum noch vor die Tür gehen, zumal wenn sie schlecht zu Fuß sind, könnten durch ihre Kirchengemeinde gut erreicht werden. "Die Mobilitätsdienste der Gemeinden spielen hier eine wichtige Rolle und müssten unterstützt werden", sagt Pospiech.

Insgesamt, sagt er, sei das Bewusstsein in den Städten für die Gesundheitsprobleme ihrer ärmeren Bevölkerung aber gewachsen. Die Zahlen des RKI zeigen aber, dass längst nicht genug getan wird, oder zumindest: dass es eine Zeit dauert, bis die Erfolge sich einstellen. Klar ist aber auch, dass Präventionsprogramme nur Angebote für Menschen sein können, die sich helfen lassen möchten. "Wer nicht will, der will nicht", sagt auch Pospiech.