Neiddebatte gegen Flüchtlinge: Helfer wollen nur deutsche Obdachlose unterstützen. © dpa

Am Ostbahnhof in Berlin sind ehrenamtliche Helfer und Spenden immer gerne gesehen. Die Gebewo – Soziale Dienste – Berlin betreut hier zwei Arztpraxen für Menschen in Not. Jeder, der keinen Krankenversicherungsschutz hat, kann sich hier behandeln lassen, findet Beratung und praktische Hilfe in der angeschlossenen Kleiderkammer. Neben Obdachlosen sind das schon seit Jahren vor allem illegal in Deutschland lebende Migranten. Bislang war das nie Thema, doch in diesem Winter tauchte eine Gruppe Freiwilliger auf, die Spenden für die Kleiderkammer und auch Mithilfe anbot. Sie wollten allerdings ausschließlich "deutsche Obdachlose" unterstützen.

Die neuen Helfer behaupteten immer häufiger, dass "für Flüchtlinge viel zu viel getan" werde. Es stellte sich heraus, dass sie Mitglieder der Facebook-Seite "Deutsche helfen Deutschen" sind, die mehr als 6.500 Likes hat. Robert Veltmann, Geschäftsführer der Gebewo, stellte gegenüber den Mitgliedern der Facebook-Seite klar, dass die Gebewo Hilfe für alle anbietet. 

Ein bekannter Slogan der NPD

Beate Rätz, eine Verantwortliche der Initiative, wehrte sich bereits in der Berliner Morgenpost gegen Vorwürfe: Es handele sich nicht um eine politische Aktion. Gegenüber ZEIT ONLINE wollten sich die Initiatoren der Seite nicht mehr äußern. Stattdessen ein Statement auf Facebook: "Wir gehören weder der NPD noch der AFD an." Doch ausgerechnet die NPD in Sachsen benutzte bereits den Slogan "Deutsche helfen Deutschen" vor zwei Jahren im Wahlkampf. Auch bei Pegida-Aufmärschen, AfD-Veranstaltungen und in sozialen Netzwerken artikulieren Menschen immer wieder, für Flüchtlinge werde alles getan. Deutsche, denen es schlecht geht, würden hingegen vergessen.

"Deutschland hat in Massen Geld für Flüchtlinge, aber unsere eigenen Obdachlosen und armen Menschen werden gänzlich vergessen !!", schreiben die Administratoren der Facebook-Seite. Das "Deutsche" scheint dabei so wichtig zu sein, dass sie es in Großbuchstaben schreiben und mit Ausrufezeichen garnieren. In Beiträgen beklagen sie sich darüber, bei Obdachloseneinrichtungen auf Ablehnung zu stoßen. Man würde "gleich in die rechte Ecke geschoben", schreiben die Administratoren. Sie bekämen zu hören: "Nein danke, wir wollen keine Hilfe von Nazis."

Obdachlosenhilfe als Deckmantel für rechte Parolen

Die geschürte Neiddebatte ist bei karitativen Einrichtungen bekannt, aber nicht gänzlich neu. "Das Thema Konkurrenz zwischen Wohnungslosen und Flüchtlingen ist natürlich akut", sagt Werena Rosenke. Sie ist Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V. (BAG W), die bundesweit soziale Dienste und Einrichtungen vernetzt und koordiniert. Der Mangel an preiswertem Wohnraum sei seit Jahren Alltag. Die Flüchtlingskrise habe die Konkurrenzsituation, die zwischen Obdachlosen und Arbeitsmigranten ohnehin bestehe, nun aber verschärft: "Anerkannte Flüchtlinge, die die Flüchtlingsheime verlassen müssen, werden häufig erst einmal wohnungslos", sagt sie. Der daraus resultierende Konkurrenzkampf sei der beste Nährboden für rechte Parolen unter dem Deckmantel der Obdachlosenhilfe. Von einem Massenphänomen möchte Rosenke allerdings nicht sprechen. "Unterstützer deutscher Obdachloser gab in den letzten Jahren immer wieder", sagt Rosenke. Noch seien es Einzelfälle.