Auf den gekonnten Judogriff von Alexandru Duma reagiert das Mutterschaf mit verblüfftem Blöken. "Ich nehme das linkes Horn und das rechte Hinterbein – dann fällt das Schaf von alleine um", sagt der rumänische Schäfer. So schnell bringt er die bis zu 70 Kilogramm schweren Zotteltiere in die gewünschte Seitenlage. Er mache das, weil die neugeborenen Lämmer schon eine Stunde nach der Geburt an den Zitzen ihrer Mütter saugen müssten. Dann legt Alexandru eines der schwarz-weiß gefleckten Säuglinge an das pralle Euter.

Die Wochen vor Ostern sind für die Schäfer auf Rumäniens Weiden jedes Jahr die anstrengendsten. Er habe dieser Tage die Geburt von 800 Lämmern zu betreuen, sagt Alexandru. Die Herde des 43 Jahre alten Schäfers grast um das Karpatendorf Osoi, 45 Kilometer nördlich der Universitätsmetropole Cluj. Ihr gehören mehr als tausend Tiere an. Jedes trächtige Mutterschaf sei bei ihm "wie im Computer abgespeichert". Selbst in der Nacht schaut Alexandru stündlich nach seinen Schafen. "Als Schäfer bist du alles: Hebamme, Gynäkologe und Krankenschwester", sagt er.

Die Hirten sind Nationalsymbol

Die Karpatenhirten Rumäniens wurden schon in zahlreichen Lieder und Oden besungen. Die romantisierenden Weisen handeln von Männern, die mit ihren Schafen durch die Täler und über die Bergrücken von Transsylvanien ziehen – als wandernde nationale Symbole. Die Schönen handeln von Liebe. Die Traurigen von Hirten, die nie mehr zurückkamen, weil sie vom Blitzschlag getroffen oder von Bären getötet wurden.


"Die Schäfer sind ein sehr wichtiger Teil der rumänischen Kultur", erklärt Vasile Turculet. Er ist der Generalsekretär des Bergschäfer-Verbandes in Bistrița, einer Stadt im Nordosten von Siebenbürgen. "Schäfer nahmen auf ihre langen Reisen Bücher mit und verbreiteten so Rumäniens Literatur." Schafe seien in Rumänen heilige Tiere. "Kühe haben wir auch viele. Aber über sie gibt es hier keine Balladen, Gedichte oder Lieder – nur über die Schafe." Auch die Werbeindustrie hat die rumänischen Schäfer für sich entdeckt. Der Schafsnomade Ghita Ciobanul ist heute ein Medienstar. Mehr als eine halbe Million Facebook-Freunde verfolgen mittlerweile seine Postings. Alles dank eines kleinen Reklamefilms für den Telefonanbieter Vodafone.