Europa lebt in Zeiten der Zinsvernichtung. Spätestens seit die Europäische Zentralbank (EZB) den Leitzins von minimalen 0,05 Prozent auf null abgesenkt hat, existiert dieser zumindest vorerst quasi nicht mehr. Von Kreditinstituten, die ihr Geld bei der Notenbank deponieren, fordert die EZB sogar Negativzinsen. Das soll zum Geldausgeben anregen und das Wirtschaftswachstum fördern, doch die negativen Effekte werden immer deutlicher sichtbar.

Die Nullzinspolitik trifft in Deutschland auch alle Beitragszahler der gesetzlichen Sozialversicherungen. Die Finanzexperten dort sind zunehmend ratlos, wie sie noch positive Renditen erzielen sollen. Dabei sind sie laut Sozialgesetzbuch verpflichtet, einen "angemessenen Ertrag" zu erwirtschaften. Zu diesen sogenannten Sozialversicherungsträgern gehören unter anderem die Deutsche Rentenversicherung und der Gesundheitsfonds der Krankenkassen, aber auch die Bundesagentur für Arbeit.

Sie alle verfügen über milliardenschwere Rücklagen. Laut Bundesversicherungsamt (BVA), das die Sozialkassen beaufsichtigt, stieg deren Reservevolumen für das Jahr 2014 zwar auf 64,1 Milliarden Euro. In den nächsten Jahren erwartet das BVA allerdings einen "Rückgang des Vermögensbestandes". Das Problem der Institutionen: Ihre Rücklagen müssen erstens jederzeit abrufbar, also liquide verfügbar sein, um etwa Renten zu überweisen, Geld an die Krankenkassen zu verteilen oder Arbeitslosengeld auszuzahlen. Sie sind zweitens gesetzlich dazu verpflichtet, ihre Rücklagen vor allem sicher anzulegen. Riskante Spekulationen sind ausgeschlossen. Stattdessen müssen sie sichere, aber derzeit unrentable Anlagen wie Einlagen bei Kreditinstituten, Staatsanleihen oder Pfandbriefe wählen. Würde mit den Beiträgen der gesetzlich Versicherten spekuliert werden, würde das ein ständiges Auf und Ab der Beiträge bedeuten, Zahlungsausfälle könnten drohen.

Kaum rentable Anlagemöglichkeiten

Als dritte Vorgabe schreibt das Sozialgesetzbuch neben Liquidität und Sicherheit des Geldes aber auch einen "angemessenen Ertrag" vor – ein echtes Problem in einer andauernden Niedrigzinsphase. So musste die Bundesagentur für Arbeit im Jahr 2015 zwar "nur" 150 Euro Negativzinsen zahlen und die Deutsche Rentenversicherung erwirtschaftete noch eine "geringe positive Verzinsung". Der Gesundheitsfonds aber, der die Beitragsgelder an die gesetzlichen Krankenkassen verteilt, erzielte 2015 bereits ein negatives Zinsergebnis von etwa 1,8 Millionen Euro. Peanuts angesichts der 200 Milliarden Gesamtvolumen, könnte man trotzdem noch sagen.

Das Finanzministerium senkte Erwartungen bereits 2014

Auf die negative Zinsentwicklung reagierte das Bundesfinanzministerium bereits 2014 und änderte seine "Empfehlung für die Mindestanforderungen an ein Finanzanlagemanagement" für die Sozialversicherungsträger. In einem Schreiben an die Institutionen heißt es: Im aktuellen Marktumfeld entstehe ein "nur schwer aufzulösendes Spannungsverhältnis zwischen Anlagesicherheit und den Ertragszielen." Die darauf folgende Empfehlung liest sich wie ein Freibrief für negative Zinsergebnisse: "Sicherheit sollte in der Regel auch den Substanzwerterhalt zum Ziel haben, wobei aber auch marktgerecht negative Zinssätze verbunden mit einer Abnahme des Nominalwertes zur Anwendungen kommen können."

Der Präsident der Deutschen Rentenversicherung, Axel Reimann, bestätigt ZEIT ONLINE diese Entwicklung: "Eine zunehmend größer werdende Zahl von Kreditinstituten bietet inzwischen nur noch eine negative Verzinsung beziehungsweise nimmt gar keine Anlagen mehr an." Zwar würden die Rentenversicherungsträger nach wie vor eine "geringe positive Verzinsung", also knapp über null, erwirtschaften. Reimann weist aber darauf hin, dass zumindest bei einem gleichbleibenden oder sich weiter verschlechternden Zinsumfeld "die Erträge aus der Geldanlage gegen null tendieren beziehungsweise sogar negativ werden."