Terrorismus - Sorge um die Atom-Sicherheit Terroristen haben offenbar Pläne gehabt, sich Zugang zu belgischen Atomkraftwerken zu verschaffen. Wie sind die Risiken einzuschätzen?

Nach den Anschlägen von Brüssel berichteten vielen Medien, das AKW Tihange werde evakuiert. Der Betreiber dementierte das, schickte aber tatsächlich Mitarbeiter nach Hause. Die wichtigsten Fragen zu terroristischen Gefahren rund um Atomkraftwerke beantworten wir hier.

Warum schickten die Betreiber der belgischen Kernkraftwerke nach den Attentaten in Brüssel ihre Mitarbeiter nach Hause?

Nach den Anschlägen riefen die belgischen Behörden für das gesamte Land eine Terrorwarnung der Stufe vier aus. In einem solchen Fall werde die Anzahl der Mitarbeiter in den Kernkraftwerken automatisch auf ein Minimum reduziert, sagt Heinz Smital, Kernkraftexperte bei Greenpeace – zur Sicherheit, für alle Fälle: "Je weniger Leute in der Anlage sind, desto leichter behält man den Überblick darüber, wo sie sind und was sie tun." Umgekehrt werde die Lage umso unübersichtlicher, je mehr Personen auf dem Gelände unterwegs seien, sagt Smital. Das kann etwa während einer Revision der Fall sein. Denn bei Überprüfungen dürfen auch Handwerker von Subunternehmen ins Kraftwerk.

 

Sylvia Kotting-Uhl, atompolitische Sprecherin der Fraktion von Bündnis 90/Die Grünen im Bundestag, fordert deshalb, künftig möglichst alle Arbeiten intern zu erledigen und nicht mehr nach außen zu vergeben. "Das wäre wenigstens ein Schritt zur Risikominimierung."

Der belgischen Atomaufsicht AFCN zufolge laufen die Kernkraftwerke Tihange und Doel seit Dienstag mit einer Personalstärke, wie sie an Wochenenden besteht, und produzieren weiter Strom. In jedem Kraftwerk arbeiteten normalerweise etwa 1.000 Personen, die nun alle "einer genauen Prüfung unterzogen" würden. "Wir gehen kein Risiko ein."

Gibt es darüber hinaus Hinweise auf Anschlagspläne gegen Kernkraftwerke?

Ja. Kurz nach den Anschlägen in Paris fanden Ermittler im vergangenen Dezember bei einer Hausdurchsuchung in Belgien ein mit versteckter Kamera aufgenommenes Video. Das zehnstündige Band zeigt das Haus eines renommierten belgischen Kernforschers und seiner Familie. Wozu es dienen sollte, ist nicht ganz klar. Denkbar wäre, dass Islamisten planten, den Mann zu entführen oder durch die Entführung eines Familienmitglieds zu erpressen. Medienberichten zufolge wurde das Band von den Brüdern Ibrahim und Khalid El Bakraoui aufgenommen, die unter den Brüsseler Attentätern vom Dienstag waren. Angeblich gibt es darüber hinaus auch konkrete Belege dafür, dass die Attentäter von Paris Zugang zu einem der Kraftwerke bekommen wollten.

Die Sorge scheint nicht abwegig. Es gab schon einmal einen Islamisten, der jahrelang unbehelligt im belgischen Kraftwerk Doel arbeitete – angeblich selbst dann noch, als die Behörden von seiner ideologischen Haltung wussten und er deswegen in Antwerpen vor Gericht stand. Mittlerweile soll Ilyass Boughalab aus Marokko im Krieg in Syrien umgekommen sein.

Ob die Behörden mittlerweile kritischer mit Kernkraftangestellten umgehen? Für einige Mitarbeiter des Kraftwerks Tihange sind die aktuellen Sicherheitsprüfungen offenbar negativ ausgefallen. Am Donnerstag meldete der belgische Rundfunk RTBF, dass elf von ihnen das Kraftwerk nicht mehr betreten dürften.