20 Prozent Trinkgeld sollten es in den USA schon sein. © Reuters

Es war ein träges Wochenende für Leigh Klinger. Zwei Abende hat sie gearbeitet, Samstag und Sonntag, von 15.30 bis 1 Uhr nachts. "Ich weiß jetzt schon, dass der Scheck nicht besonders hoch ausfallen wird", sagt sie. Wenn sie Glück hat, hat sie am Ende hundert Dollar Trinkgeld pro Abend gemacht. Um die schlechten Abende auszugleichen, will sie versuchen, eine zusätzliche Schicht zu ergattern. Seit sie vor fünf Jahren von Krefeld nach New York gezogen ist, hat Klinger in einer ganzen Reihe von Restaurants und Bars gearbeitet, erst als Kellnerin und Barkeeperin in Manhattan, seit eineinhalb Jahren als Barkeeperin im Brooklyner Stadtteil Brooklyn Heights. "New York ist so teuer, ohne einen regelmäßigen Job ging es nicht", sagt die 34-Jährige, die einen deutschen Vater und eine amerikanische Mutter hat.

Ihr kommen die Arbeitszeiten entgegen. Denn als Schauspielern verbringt sie ihre Tage damit, zu Vorsprechen zu gehen und "ihr Gesicht zu zeigen". "Wenn mein Agent mich anruft und ein Vorsprechen in den nächsten zwei Stunden für mich hat, dann muss ich hingehen können", sagt sie. Eine Zeitlang habe sie als Babysitterin gejobbt, aber am Ende sei sie kaum noch zu Vorsprechen gegangen, weil sich die meist mit dem Nebenjob überschnitten. Für viele aus ihrer Branche sei Kellnern deshalb die einzige Möglichkeit, den Lebensunterhalt zu bestreiten. "Aber manchmal wird es eng", sagt sie.

Denn allein vom Mindestlohn lässt sich im teuren New York nicht leben. Im Januar wurde der Satz für die Branche immerhin von bislang fünf auf 7,50 Dollar angehoben – landesweit sind es noch immer 2,13 Dollar pro Stunde. Davon gehen noch Steuern ab und die Krankenversicherung muss Klinger auch aus eigener Tasche zahlen. "Mein Scheck am Ende der Woche besteht fast ausschließlich aus Trinkgeld", sagt sie. Und das schwankt gewaltig. Je nach Schicht bleiben mal 250 Dollar übrig, mal sind es nur 50. Das Restaurant, in dem Klinger arbeitet, befindet sich in einer der nobleren Gegenden Brooklyns. Wenn die Anwohner in den Sommermonaten über das Wochenende in ihre Häuser auf Long Island fahren, merkt Klinger das.

Die Kritik am System nimmt zu

In New York, wo die Wohnungen eng, die Küchen klein und die Zeit knapp ist, gehört auswärts essen zum täglichen Ritual. Mehr als 24.000 Restaurants gibt es. Auf die Rechnung kommen zwischen 18 und 20 Prozent Trinkgeld, weniger gilt als unhöflich. Das "Tipping" sei so sehr Bestandteil des täglichen Lebens, dass selbst ihr 95-jähriger Großvater bis heute den Taschenrechner mit ins Restaurant nehme, erzählt Leigh Klinger. Bezahle ein Gast nur zehn oder gar fünf Prozent Trinkgeld, dann frage sie, ob etwas nicht gestimmt habe. Oft erhalten die Mitarbeiter einen bestimmten Anteil am Trinkgeld, das in einer Schicht verdient wurde. Ein Kellner, der eine volle Schicht im Saal arbeitet, bekommt mehr als ein Aushilfskellner oder der Barkeeper. "Graveyard"-Schichten zur Brunch-Zeit oder sehr spät in der Nacht bringen häufig kaum Trinkgeld. "Es ist so ein Stress und dann wirft man am Ende einen Blick auf den Scheck und denkt, oh, ok", erzählt Klinger. Oft gibt es einen internen Wettstreit darum, wer die gutbezahlten Schichten bekommt.

Kritik am bestehenden System hört man immer wieder. Teilweise würden die Besitzer auch Stellen über Trinkgelder finanzieren, die eigentlich davon ausgenommen seien, etwa das Begrüßungspersonal am Eingang. "Es traut sich niemand, etwas zu sagen", erzählt eine 32-jährige New Yorkerin, die selbst lange in der Branche gearbeitet hat. Ökonomen beklagen, die hohen Trinkgelder würden dafür sorgen, dass der Kunde – nicht der Arbeitgeber – für das Einkommen des Personals verantwortlich ist. Zudem ist das System diskriminierend: Gutaussehende Kellnerinnen bekämen zum Beispiel mehr Trinkgeld als übergewichtige, weiße Mitarbeiter bekämen mehr als farbige, sagt Michael Lynn von der Cornell School of Hotel Administration.