Klima- und Entwicklungspolitiker hatten im vergangenen Jahr Grund zum Feiern. Im Herbst verabschiedeten die Vereinten Nationen ihre neuen nachhaltigen Entwicklungsziele, und wenig später, im Dezember, wurde der Pariser Klimavertrag beschlossen. Das sind gleich zwei wichtige internationale Abkommen, die den Gedanken der nachhaltigen Entwicklung in den Mittelpunkt stellen. Die Nachhaltigkeit – die Idee einer Wirtschaft, die ihre ökologische Grundlage bewahrt und den sozialen Fortschritt durch Dinge wie Armutsbekämpfung und Chancengleichheit für alle anstrebt – ist ein häufig benutztes und deshalb schon etwas abgegriffenes, schwammiges Konzept. 2015 aber erlebte sie eine Renaissance.

Doch mit etwas Abstand betrachtet ist Skepsis geboten. Dass die beiden ehrgeizigen Abkommen gut umgesetzt werden, ist noch nicht gesagt. Nationale Interessen könnten das verhindern.

Zum Beispiel im Fall des Abkommens von Paris: Der Vertrag erweckt den Eindruck, dass sich die internationale Klimadiplomatie zwar sehr gut über Klimaziele in der fernen Zukunft verständigen kann – es aber sofort schwierig wird, wenn es kurzfristig um den konkreten Einstieg in eine angemessene Klimapolitik geht. Dem hehren Ziel, die globale Erwärmung auf möglichst weit unter zwei Grad Celsius zu begrenzen, werden die bisher vorgelegten nationalen Klimaschutzverpflichtungen jedenfalls nicht gerecht.

Auch bei der UN-Nachhaltigkeitsagenda sind Probleme absehbar. Hier hat die gemischte Interessenlage der Staaten eine lange Liste von 17 Zielen und 169 Unterzielen hervorgebracht. Auch der Klimaschutz gehört dazu. Die große Zahl der Ziele und eine fehlende Priorisierung machen ein koordiniertes internationales Vorgehen, um wenigstens die größten Missstände zu beseitigen, praktisch unmöglich. Für einzelne Länder ist es dadurch einfach, Teilmaßnahmen als Erfolge zu verkaufen, ohne breitere Nachhaltigkeitskriterien im politischen Prozess zu verankern. Länder ohne ernsthafte Ambitionen sind mit der neuen Agenda fein raus.

Saubere Energie oder Nahrung?

Natürlich gibt es auch Chancen. Man kann die UN-Nachhaltigkeitsziele als Ausdruck eines neuen, erweiterten Wohlstandsbegriffes verstehen, der über die eindimensionale wirtschaftszentrierte Sichtweise hinausgeht. Dadurch könnten auch Nachhaltigkeitsziele, die auf den ersten Blick nichts mit dem Klimaschutz zu tun haben, der Klimapolitik helfen – und umgekehrt. Die Umstellung auf nicht-fossile Energieträger etwa könnte die Luft in vielen Teilen der Welt sauberer machen. Den kurzfristigen Kosten für Klimaschutz stünde nicht nur der langfristige Nutzen einer Klimarettung gegenüber, sondern auch eine bessere Lebensqualität und Gesundheit von Milliarden Menschen, die nicht mehr so leicht krank würden durch den Smog der Städte oder den Rauch offener Feuerstellen.

Das Beispiel zeigt: Erfolgreiche Klima- und Nachhaltigkeitspolitik gehören zusammen. Das gilt auch, wenn wir die Risiken des Klimaschutzes betrachten. Das Thema wird jedoch in der öffentlichen Diskussion gerne ausgespart – aus Angst, dem Klimaschutz zu schaden. Doch das ist unbegründet: Der Weltklimarat hat im letzten wissenschaftlichen Sachstandsbericht nach sorgfältiger Analyse betont, dass die Risiken des Klimaschutzes im Vergleich mit den einschneidenden und potenziell irreversiblen Folgen eines ungebremsten Klimawandels eher gering sind.

Sie deshalb auszublenden, hilft aber nicht weiter. Nehmen wir das Beispiel Biomassenutzung: In machen Klimaschutzszenarien wird sechsmal so viel Biomasse für die Energieproduktion genutzt wie heute – mit einem weiteren starken Anstieg in der zweiten Jahrhunderthälfte. Große Skepsis ist angebracht, ob in Zeiten rasanten Bevölkerungswachstums solch großen Mengen nachhaltig bereitgestellt werden können, ohne Nahrungsmittelsicherheit, Biodiversität oder Wasserverfügbarkeit zu gefährden. Dies träfe vor allem die Ärmsten dieser Welt. Klimapolitik muss nicht nur das Klima schützen, sondern nachhaltige Entwicklung als Ganzes gewährleisten.

In Deutschland konzentriert die Klimapolitik sich vor allem auf den Ausbau von Wind- und Solartechnologien. Unbeliebte Technologien wie Atomkraft und Kohlenstoffspeicherung wurden bereits ausgeschlossen. Für Deutschland mag das der richtige Weg sein. Aber im globalen Maßstab wird es zumindest ohne Kohlenstoffspeicherung nicht funktionieren. Das zeigen die einschlägigen globalen Klimaschutzstudien.

Das gesamte Energiesystem muss bis 2050 komplett dekarbonisiert sein – und je weniger Technologien für den globalen Klimaschutz verfügbar sind, desto größer werden die Schwierigkeiten, Klima- und andere Nachhaltigkeitsziele gleichzeitig zu erreichen.

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