Frage: Herr Bsirske, Sie sind der dienstälteste Gewerkschaftsvorsitzende hierzulande und inzwischen in Ihrer fünften Amtszeit. Was haben Sie noch vor?

Frank Bsirske: Nicht nur mit Blick auf die Rente steht unser Land vor enormen sozialpolitischen Herausforderungen. Die Arbeitswelt verändert sich im Zusammenhang mit der Digitalisierung, und wir kämpfen als Gewerkschaften für eine höhere Tarifbindung – um nur einige Beispiele zu nennen.

Frage: Wie stellt sich ver.di darauf ein?

Bsirske: Durch verbesserte Schnelligkeit und Effektivität. Wir teilen unsere Arbeit jetzt besser auf – einerseits gibt es die individuelle Mitgliederbetreuung, andererseits kollektive Arbeit in den Betrieben und in Tarifauseinandersetzungen. Das ist ein Umbauprozess, wie ihn keine andere Gewerkschaft in den vergangenen 30 Jahren vollzogen hat.

Frage: Individuelle Mitgliederbetreuung machen alle.

Bsirske: Aber wir differenzieren stärker zwischen den Kolleginnen und Kollegen, die Mitglieder individuell betreuen, und denen, die in die Betriebe gehen. Gleichzeitig verbessern wir die Erreichbarkeit und die Schnelligkeit, mit der wir auf Mitgliederanliegen reagieren. Ver.di ist im Dienstleistungssektor breit aufgestellt und wird neue Mitglieder verstärkt auch durch Direktmarketing und Straßenwerbung gewinnen.

Frage: Ist das nicht viel Klein-Klein für den Vorsitzenden? Wo ist Ihre Vision?

Bsirske: Das ist nicht Klein-Klein, sondern ein anspruchsvoller Umbauprozess. Es geht um die Arbeit für unsere Mitglieder und die Arbeitsteilung in einer Organisation, die vielfältiger, diskursiver und weiblicher ist als andere Organisationen.

Frage: Verliert ver.di deshalb seit der Gründung im Jahr 2001 Mitglieder?

Bsirske: Wir haben in den ersten Jahren fast 400.000 Mitglieder verloren, die über längere Zeiträume keine Beiträge gezahlt hatten. Solche Karteileichen gibt es nicht mehr. Heute haben wir die Mitgliedszahlen absolut stabilisiert.

Frage: Warum legen kleine Gewerkschaften wie die der Lehrer und der Polizisten zu, ver.di aber nicht?

Bsirske: Weil in deren Bereichen Personal eingestellt wurde, während in unseren Organisationsbereichen, in Teilen des öffentlichen Dienstes, im Handel, bei der Post und Telekom, massiv abgebaut wurde.

Frage: Massiv aufgebaut wird seit Jahren die Beschäftigung im Pflegebereich. Warum kriegen Sie hier kein Bein an die Erde?

Bsirske: Davon kann keine Rede sein. Auch im Krankenhausbereich gibt es beachtliche Erfolge. Wie im letzten Jahr hier in Berlin an der Charité, als es um bessere Personalbesetzungen auf den Stationen ging. Oder bei der Bekämpfung von Tarifflucht in den neuen Bundesländern. Auch dort haben sich Beschäftigte organisiert, und so konnten Krankenhäuser in die Tarifbindung zurückgeholt werden. Klar ist: Ohne Engagement keine Tarife, mit Tarifen bessere Arbeitsbedingungen.

Frage: Ist die komplizierte und aufwendige Matrixstruktur von ver.di mit Fachbereichen und Landesbezirken überlebensfähig?

Bsirske: Mit Sicherheit. So können wir uns auf spezifische Themen der einzelnen Branchen konzentrieren und gleichzeitig die gesamte Organisation auf zentrale Anliegen hin orientieren. Wie zum Beispiel den gesetzlichen Mindestlohn, den es ohne ver.di so nicht geben würde.

Frage: Der Mindestlohn bringt keine Mitglieder.

Bsirske: Aber mithilfe des gesetzlichen Mindestlohns wird das Tarifsystem stabilisiert. Der Mindestlohn ist ein Erfolg – er hat zu mehr Lohn geführt, zu mehr Beschäftigung und zu mehr Gerechtigkeit. Und darauf sind wir stolz.

Frage: Die Arbeitgeber haben sich durchgesetzt, was die Erhöhung anbelangt: Über neun Euro steigt der Mindestlohn erst 2019.

Bsirske: Um die Weiterentwicklung des gesetzlichen Mindestlohns muss gerungen werden. Deutschland steht mit 8,50 Euro am Ende im Vergleich zu unseren Nachbarstaaten in Westeuropa; allein daran wird deutlich, dass es weiteren Handlungsbedarf gibt. Den gibt es ganz massiv auch wegen der bei Fortsetzung der Rentenpolitik drohenden massenhaften Altersarmut.

Frage: Was hat das mit ver.di und den Gewerkschaften zu tun?

Bsirske: Das Sozialsystem, die Parteien, die Arbeitgeber und die Gewerkschaften bekommen ein massives Legitimationsproblem, wenn auf viele Arbeitnehmer trotz jahrzehntelanger Beitragszahlungen Renten auf Hartz-IV-Niveau warten. Einer Veröffentlichung des Bundesarbeitsministeriums konnte schon 2012 entnommen werden, dass ein Arbeitnehmer, Jahrgang 1964 mit 2.500 Euro brutto im Monat, nach 40 Versicherungsjahren mit einer gesetzlichen Rente von 786 Euro rechnen kann. Und ein Drittel aller Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer bekam 2012 weniger als 2.500 Euro im Monat. Wir reden insgesamt über elf bis zwölf Millionen Menschen, die künftig von Altersarmut bedroht sind. Für ver.di, aber auch für alle anderen Gewerkschaften im DGB ist das ein zentrales Thema der gesellschaftlichen Auseinandersetzung in den kommenden Jahren.

Frage: Also müssen die Rentenversicherungsbeiträge steigen.

Bsirske: Ja. Wenn wir ein Rentenniveau erreichen wollen, das ein anständiges Leben ermöglicht, geht es nicht anders. Wir liegen derzeit 15 Prozent unter der durchschnittlichen Rente in den OECD-Staaten. Das darf nicht so bleiben. Und deshalb wehren wir uns auch gegen das Vorhaben der Arbeitgeber, in der anstehenden Tarifauseinandersetzung die Zusatzversorgung für den öffentlichen Dienst zu schwächen.