ZEIT ONLINE: Aus einer Stellungnahme von VW gegenüber dem Landgericht Braunschweig geht hervor, dass der Vorstand bereits deutlich früher von den Vorwürfen der amerikanischen Umweltbehörde EPA wusste als bisher angenommen. Trotzdem trat der VW-Konzern nicht an die Öffentlichkeit. Ist damit die Ad-hoc-Publikationspflicht zum Schutz von Aktionären verletzt?

Oliver Maaß: Grundsätzlich ist die Publikationspflicht verletzt. Es gibt seit einigen Jahren die Möglichkeit, sich von Ad-hoc-Verpflichtungen zu befreien: Der Vorstand kann einen sogenannten Selbstbefreiungsbeschluss verfassen. Allerdings ist das immer nur solange und soweit möglich, wie wirklich die Vertraulichkeit der jeweiligen Information gewahrt ist. Im vorliegenden Fall müsste man beim Vorstand klären, ob ein solcher Beschluss gefasst worden und die Vertraulichkeit des Wortes dabei geschützt gewesen ist. Ich vermute, dass das möglicherweise nicht gemacht wurde. Das würde definitiv dazu führen, dass die Information der Öffentlichkeit zu spät kam.

ZEIT ONLINE: Was rechtfertigt einen Selbstbefreiungsbeschluss?

Maaß: Im Prinzip der Versuch, ein Problem erst mal mit den Beteiligten zu klären, die unmittelbar involviert sind. Der VW-Vorstand ging anscheinend davon aus, dass man einen niedrigschwelligen Vergleich, ein sogenanntes Low-Ball-Settlement, abschließen könne. Das hat offensichtlich nicht geklappt. Aber da könnte sich ein Vorstand in der Tat überlegen, einen Selbstbefreiungsbeschluss zu fassen und auf die Behörden zuzugehen und mit ihnen zu sprechen.

Sobald man aber merkt, dass entweder die Informationen nicht mehr geheim gehalten werden können oder dieser Deal mit der Behörde nicht realistisch ist, dann müsste man sofort an den Kapitalmarkt herantreten. Das ist in der vorliegenden Situation natürlich extrem heikel: Je mehr Leute man einschaltet, desto mehr besteht das Risiko, dass die Vertraulichkeit des Wortes nicht gewahrt ist und die Information an den Markt gelangt.

ZEIT ONLINE: In der Stellungnahme von VW heißt es weiter, der Vorstand habe auf eine Einigung mit der Umweltbehörde gehofft und es habe ein "überwiegendes Geheimhaltungsinteresse" bestanden, die öffentliche Mitteilung sei für den Konzern völlig unerwartet gekommen. Hatte VW im Zweifel gar nicht vor, die Öffentlichkeit, Aktionäre und die Fahrzeugbesitzer zu informieren?

Maaß: Der Vergleich hätte in jedem Fall veröffentlicht werden müssen.

ZEIT ONLINE: Einem Autokonzern wie VW muss bewusst sein, dass Millionen manipulierte Fahrzeuge, wenn nicht allein der Manipulationsvorwurf an sich, den Kurs der Aktie stark beeinflussen können. Ist aktienrechtlich dann nicht bereits der erste Hinweis der Umweltbehörde gegenüber dem Konzern publikationspflichtig?

Maaß: Es spricht vieles dafür, dass das ein ganz heikler Ritt war. Ich hätte den Kapitalmarkt sofort informiert und in den sauren Apfel gebissen. Man kann das vergleichen mit einer Situation, in der ein Unternehmen eine große Akquisition tätigt. Akquisitionen sind auch grundsätzlich veröffentlichungspflichtig. Häufig verhandeln die Parteien diese Transaktion aber über Monate, und erst am Ende, beim tatsächlichen Vertragsabschluss, geht die entsprechende Ad-hoc-Information raus. Diese Phase wird oftmals mit einer Selbstbefreiung unterlegt, weil man sagt: Das Ganze geht den Markt so lange nichts an, bis man sich auf einen Kaufpreis geeinigt und die Transaktion besiegelt hat.

Ich glaube, die Hoffnung von VW war, dass man mit den US-Behörden zu einer Regelung kommt, in der der Betrugsvorwurf nicht mehr so hart im Raum gestanden hätte. Die Idealkonstellation wäre gewesen: Man einigt sich mit der Behörde auf einen Vergleich. In dem steht, dass Fehler gemacht wurden und dafür 100 Millionen Dollar zu zahlen sind – und die Parteien gehen auseinander. Wie realistisch ein solcher Vergleich mit den Behörden war, ist im Nachhinein natürlich schwer zu beurteilen. Ich teile da aber die Auffassung, dass die Chance unter zehn Prozent lag, wenn man denn wusste – und davon ist zurzeit auszugehen –, dass tatsächlich manipuliert wird.

ZEIT ONLINE: Das spricht dann doch alles dafür, dass VW sich diesen Betrug noch immer nicht eingestehen will.

Maaß: Exakt. Ich musste natürlich sofort auch an das unsägliche Interview von VW-Chef Matthias Müller vor ein paar Wochen denken, in dem er mehr oder weniger gesagt hat: "Wir haben doch gar nicht manipuliert." Man hat sich das damals entweder nicht eingestanden oder nicht eingestehen wollen und hat auf dieser Basis versucht, eine Regelung mit den Behörden zu finden, um dann gegenüber der Öffentlichkeit zu sagen: Es ist alles gut, wir haben zwar 100 Millionen Dollar gezahlt, aber damit ist die Sache abgefrühstückt.