Manchmal ist der Fortschritt eine Schnecke; auch in unserer schnelllebigen Zeit. Zum Beispiel, wenn die Vereinten Nationen ihn vorantreiben wollen. Mit 193 Staaten eine gemeinsame Position zu erreichen, ist eben schwer – und häufig genug repräsentiert eine Einigung am Ende nur einen Minimalkompromiss.

Im Krieg gegen die Drogen drängen seit ein paar Jahren vor allem drei Länder zur Eile: Mexiko, Kolumbien und Guatemala. Sie leiden besonders unter der Gewalt, die die Kartelle des illegalen Drogengeschäfts mit ihrem Kampf um Schmuggelrouten und Einflusssphären in Lateinamerika verbreiten. Auf ihren Hilferuf hin treffen sich die Vereinten Nationen jetzt schon zu einer Sondervollversammlung in New York statt erst in drei Jahren, wie ursprünglich geplant

Seit Dienstag tagen die UN. Bis zum Donnerstag werden sie darüber beraten, wie es weitergehen soll in der internationalen Drogenpolitik. Schon jetzt ist klar, dass es keine große Debatte geben wird. Bereits eine Stunde nach Beginn des Treffens verabschiedete die Versammlung am Dienstag ihre Abschlusserklärung; ganz so, als seien sich alle einig. 

Dabei würden viele den Drogenkrieg am liebsten sofort beenden. Schließlich hat er nichts gebracht – außer Milliardenprofite für die Kartelle (Schätzungen reichen bis zu 500 Milliarden Dollar im Jahr), Zigtausende Tote und Versehrte in den Ländern Asiens und Lateinamerikas, einem Rüstungswettlauf zwischen Sicherheitskräften und Drogenbanden (den Letztere allzu oft gewinnen), militarisierte Gesellschaften und zerfallende Staaten. Und den Konsumenten und Süchtigen wird durch die Kriminalisierung der Drogen auch nicht geholfen. Doch der Konsens, dass Repression das beste Mittel sei gegen Drogenmissbrauch und die Gewalt der Kartelle, hält sich hartnäckig – trotz des Widerstands einzelner Länder.

Milliarden für die Repression

Für die Repression wird viel Geld ausgegeben. Zum Beispiel in den USA, dem Ursprungsland des Anti-Drogen-Kampfs: 15,2 Milliarden Dollar sieht der Haushalt 2017 dort für "Aktivitäten zur Senkung des Drogenangebots" vor. Davon gehen 1,6  Milliarden Dollar ins Ausland; 4,1 Milliarden Dollar sollen helfen, die Grenzen besser vor Drogenschmugglern zu schützen. Über die vergangenen Jahre hinweg gaben die USA allein in Kolumbien mehr als 10 Milliarden Dollar für den meist militärischen Kampf gegen die Drogen aus. Kolumbien selbst gab 200 Milliarden. Das Transitland Mexiko erhielt schätzungsweise 1,5 Milliarden Dollar vom Nachbarn im Norden.

Den Konsum drängte der ganze Aufwand nicht zurück. Nirgendwo gibt es mehr Drogentote als in Nordamerika. Einer von fünf Drogentoten weltweit stirbt in den USA, besonders viele an Heroin. Weltweit nimmt der Konsum von Crystal Meth zu. Auch in Deutschland liegt der Rausch im Trend.

Dennoch ist es heute schwer vorstellbar, dass viele auch harte Drogen lange Zeit relativ legal zu haben waren. Zum Beispiel Cannabis: Europa und Nordamerika förderten den Hanfanbau im 17. und 18. Jahrhundert und tolerierten den Konsum. Zum Beispiel Opium: Im 19. Jahrhundert war Opiumrauchen in den westlichen Ländern schwer in Mode; zuvor hatte England China im Opiumkrieg gezwungen, seinen Markt für die Droge zu öffnen.

Noch zu Beginn des 20. Jahrhunderts "konnte man überall auf der Welt problemlos Drogen kaufen", schreibt der britische Journalist Johann Hari in seinem beeindruckenden Buch Drogen. Die Geschichte eines langen Kriegs. "Man ging in irgendeine amerikanische Drogerie und erwarb Mittel, die aus denselben Inhaltsstoffen wie Heroin und Kokain bestanden. (...) In Großbritannien boten die angesehensten Warenhäuser Heroindöschen für die Damen der feinen Gesellschaft an. (...) Eines der beliebtesten Mittel hieß Ms. Winslow's Soothing Syrup. Jede Unze des Sirups enthielt 65 Milligramm reines Morphium."

Der deutsche Bayer-Konzern verkaufte damals Hustensaft mit Heroin und bewarb dessen "überraschende Effekte: Er reguliert und erleichtert die Aktivität der Lungen, beruhigt die (...) Nerven und verbessert den Allgemeinzustand", wie Guillermo Valdés Castellanos in seinem Buch Historia del Narcotráfico en México schreibt. Valdés war von 2007 bis 2011 Chef des mexikanischen Geheimdienstes Cisen. Er ärgert sich darüber, dass seine Landsleute im Drogenkrieg allzu oft nur die Rolle der Bösen zugestanden wird. In Frankreich empfahl man Musikern den kokainhaltigen Mariani-Wein zur Stärkung ihrer Stimmbänder, schreibt er, allen anderen empfahl man den Wein gegen Blutarmut, Rachitis und Schwäche allgemein.