"Ein Studium muss man sich in Kuba leisten können", sagt Yasniel. Der 32-Jährige ist Veterinärmediziner. Er sitzt mit seinem gleichaltrigen Freund Carlos, einem Informatiker, in einer dunklen Werkstatt im Zentrum von Havanna unter einer Neonröhre. Die beiden reparieren oder knacken Handys und führen Software-Updates durch, weil sie mit ihrem Modem über Internet verfügen – anders als die meisten Kubaner. Die Ausbildung an der Hochschule sei zwar gut und kostenlos gewesen – aber auch umsonst, sagen die beiden. Jeweils etwa 40 Dollar hätten sie als Staatsangestellte in ihren gelernten Berufen pro Monat verdient. Heute setzten sie diese Summe jeden Tag um.

Yasniel und Carlos gehören zu den inzwischen mehr als 450.000 sogenannten cuenta propistas – auf eigene Rechnung Arbeitende – in Kuba. Seit Präsident Raúl Castro vor fast fünf Jahren die Selbstständigkeit legalisiert hatte, ist der Selbstständigen-Anteil auf der sozialistischen Insel inzwischen höher als in Deutschland. Eigentlich war die Regelung vor allem für Handwerker gedacht und eine Reaktion auf die massenhafte Entlassung von Staatsangestellten. Inzwischen schießen auf der sozialistischen Insel jedoch auch privat betriebene Restaurants und Hotels aus dem Boden.

Doch zu den zugelassenen Selbstständigen gehören auch Feuerzeugauffüller oder Straßenhändler, die gelesene Zeitungen weiterverkaufen. Ihre Gewinnmargen sind deutlich geringer als die von Yasniel und Carlos. Viele drängten nach der Öffnung auf den Markt, jetzt fürchten Wirtschaftsexperten eine Pleitewelle. Denn viele Selbstständige haben kein funktionierendes Geschäftsmodell, keinen Businessplan oder irgendeine Ahnung von Marketing, Vertrieb oder Buchungswesen. Das kann eine Zeitlang gut gehen, aber nicht auf Dauer.

Als Selbstständiger in einem sozialistischen Staat zu arbeiten, der von Bürokratie und Handelsembargo gelähmt ist, in dem Zulassungen und Lizenzen von einem Tag auf den anderen entzogen werden können, der zwei Währungen unterhält (den einheimischen Peso und eine für Touristen und Geschäftsleute), erfordert Hartnäckigkeit und Improvisationsgabe. Zumal an den Universitäten in den einschlägigen ökonomischen Fächern bisher vor allem marxistische Theorie gelehrt wurde.

Die Berliner Humboldt-Universität hat deshalb mit der Universität Havanna Summer Schools ins Leben gerufen, die Selbstständigen die Grundzüge für die Organisation marktwirtschaftlicher Betriebe näher bringen sollen. Im Februar starteten die beiden Universitäten zusammen mit dem DAAD einen Inkubator für Start-ups aus dem High-Tech-Bereich. Die kubanischen Teilnehmer entwickeln unter Anleitung deutscher Experten zukunftsweisende Software, Photovoltaiksysteme oder Medizintechnik, die sich mit europäischen oder US-amerikanischen Herstellern messen können sollen. Interviews dürfen die kubanischen Teilnehmern ausländischen Journalisten allerdings nicht geben, die müssen über Regierungsstellen laufen. So bleibt im Dunklen, wie weit die Fortschritte sind.

Keine politischen Reformen

Seit dem VI. Parteitag der Kommunistischen Partei im Jahr 2011 macht die kubanische Führung mit Reformen Schlagzeilen. Allerdings wurden laut der Parteizeitung Granma bisher nur knapp ein Viertel der damals beschlossenen "Aktualisierungen" umgesetzt. Zudem beschränken sich die Reformen auf die Wirtschaft. "Der Geheimdienstapparat funktioniert wie eh und je" sagt Jorge Garcia Vazquez. Der Regimegegner lebt seit 1992 in Deutschland. Zwar habe es leichte Lockerungen für die Opposition gegeben, von wirklichen politischen Veränderungen aber könne man nicht sprechen.

Die politische Führung allerdings wird sich personell wohl bald ändern. Der anstehende VII. Parteitag ist mit großer Wahrscheinlichkeit der letzte der greisen Revolutionäre um Fidel Castro. Sein Bruder Raúl, der im Moment die Geschäfte führt, hat seinen Rückzug für das Jahr 2018 angekündigt. Mögliche Nachfolger wurden bis heute nicht benannt. Die Kader, viele von ihnen Militärs, sichern sich auch durch die Wirtschaftsreformen ein gutes Auskommen für die Zeit danach. Sie kontrollieren die großen Unternehmen im Tourismus, Transportwesen oder gleich den Freihafen Mariel. Ihre Kinder eröffnen Hotels und Restaurants für die Schaulustigen, die jetzt in Scharen kommen, um noch einmal einen nostalgischen Blick auf das sozialistische Eiland zu werfen. Erst kürzlich hat Kuba bekannt gegeben, eine weitere Brauerei zu eröffnen, um den Durst der Besucher stillen zu können.