ZEIT ONLINE: Herr Messner, in den nächsten 35 Jahren werden sich zwei bis drei Milliarden Menschen weltweit auf den Weg in die Städte machen. Das sagt das neue Gutachten Der Umzug der Menschheit voraus, gerade vorgestellt vom Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU). Wird die große Mehrheit von ihnen im Elend der Slums enden?

Dirk Messner: Die Gefahr besteht. Zwar wachsen die urbanen Mittelschichten, aber ein bis zwei Milliarden Menschen könnten in den Elendsvierteln landen. Trotz des Risikos richten aber auch sie ihre Wohlstandshoffnungen allein auf die großen Zentren. Das ist kein Wunder, denn in Dakar, Mexico City oder Mumbai scheint man seit jeher alles zu finden, was man braucht: Arbeit, Nahrung, Bildung, Kultur.

Vor allem haben die meisten Länder der Welt die ländlichen Räume in den letzten Jahrzehnten sträflich vernachlässigt. Während in Europa bis zu 45 Prozent der staatlichen Gelder in Kleinstädte und aufs Land fließen, liegt dieser Anteil in vielen Entwicklungsländern deutlich unter 10 oder gar 5 Prozent. Alles konzentriert sich auf die Metropolen.

ZEIT ONLINE: Könnte die Politik die Megastädte entlasten, indem sie bäuerliches Wirtschaften wieder stärker fördert?

Messner: Der Trend, dass die Agrarwirtschaft an Bedeutung verliert, ist nicht mehr zu stoppen. Aber die Entwicklung sollte nicht überall so verlaufen wie zum Beispiel in Thailand. Allein die Hauptstadt Bangkok saugt 80 Prozent der städtischen Bevölkerung an und ist deshalb kaum regierbar.

ZEIT ONLINE: Wie sollen sich die Städte dann entwickeln?

Messner: Wir schlagen vor, überall die kleineren und mittleren Zentren zu stärken. Etwa 60 Prozent der Menschen weltweit leben heute in Orten mit bis zu einer halben Million Einwohner. Schon 2030 könnten das nur noch 40 Prozent sein – während die Slums der Großstädte umso mehr wuchern.

Der Fokus der Aufmerksamkeit muss sich auf solche Mittelstädte richten und auf polyzentrische Siedlungsformen wie bei uns im Ruhrgebiet, in der Emilia-Romagna in Italien oder der San Francisco Bay Area. Dort kooperieren selbstbestimmte ländliche Räume eng mit kleinen und größeren Städten.

ZEIT ONLINE: Welche Vorteile hat das?

Messner: Die Risiken der Unregierbarkeit von Megastädten werden vermieden. Ressourcen, Wasser, Energie und Nahrung müssen nicht mehr von weit her in wenige Zentren transportiert werden. Kulturelle Leistungen sind nicht allein Metropolenbewohnern zugänglich.

ZEIT ONLINE: Kann man solche Siedlungsformen überhaupt planen angesichts der Wucht, mit der die große Wanderung abläuft?

Messner: Regierungen können zum Beispiel Universitäten und kulturelle Angebote gezielt aufs Land und in kleinere Zentren bringen. So haben wir es in Nordrhein-Westfalen oder Bayern auch gemacht. Das nördliche Ruhrgebiet, Bamberg oder Passau sind heute moderne, international vernetzte Zentren.

ZEIT ONLINE: Erleichtern auch neue technologische Entwicklungen einen Wandel zu mehr Dezentralität?

Messner: Darauf setzen wir. Im fossilen Zeitalter wuchsen die Städte zentralisiert um große Kraftwerkseinheiten herum. Heute sind Sonne, Wind und Biomasse schon preiswerter, und ihr lokaler Charakter begünstigt dezentrale Siedlungsstrukturen. Ähnlich ist es bei der Digitalisierung: Wissensarbeiter müssen nicht mehr in den großen Zentren mit ihren Universitäten und Bibliotheken leben, wenn sie in den globalen Netzen eine Rolle spielen wollen. Unternehmen können virtuelle Dienstleistungen auch jenseits der großen Zentren entwickeln. 

Würde es den Städten schließlich gelingen, lokale und regionale Ressourcenkreisläufe zu schließen, dann müssten sie auch nicht mehr wie in den letzten fünfzig Jahren Ressourcen aufsaugen – aus dem Umland, ja von allen Ecken und Enden des Planeten. Was wir für all das brauchen, ist eine Mischung aus technologischen und sozialen Innovationen.

ZEIT ONLINE: Dabei bescheinigt der WBGU gerade den Städten "transformative Kraft". Doch andere Wissenschaftler treffen widersprüchliche Aussagen: Die einen halten Städte für energieeffizienter und damit klimaschonender – die anderen das Landleben. Was stimmt denn nun?