Im 18. Jahrhundert war das Wort "Briefkastenfirma" noch nicht erfunden, und doch kannten die Menschen Wege, sich ihre Steuern klein zu tricksen. Damals mussten Franzosen und Engländer eine Abgabe für die Anzahl der Fenster in ihren Häusern bezahlen. Je mehr Fenster es gab, desto höher war die Steuer. Um Geld zu sparen, mauerten viele Hausbesitzer nachträglich Fenster zu. Bis heute sind die Überbleibsel dieser Zeit in vielen britischen und französischen Städten zu sehen: sogenannte Blindfenster ohne Glas, bei denen die Öffnung in der Fassade einfach wieder verstopft wurde.

Heute, im 21. Jahrhundert, hat sich die Welt grundlegend verändert; die Abscheu vieler Menschen vor dem Steuerzahlen scheint aber geblieben. Darauf lässt zumindest schließen, was durch die geleakten Panama Papers publik wurde: ein Netz von rund 200.000 Briefkastenfirmen und eine Liste mit den Namen Hunderter Kunden der panamaischen Anwaltskanzlei Mossack Fonseca. Sie alle – Banken, Unternehmen, Politiker und Sportler – stehen nun im Verdacht, sich mit komplizierten Firmengeflechten in Mittelamerika vor dem heimischen Fiskus arm gerechnet zu haben. Der öffentliche Ärger ist umso größer, da die Praktiken solcher Steueroasen nicht per se verboten sind. Von Geldwäsche, illegal im juristischen Sinne, ist bei den Panama Papers bislang kaum etwas bekannt. Es geht eher um die Moral in einem Wirtschaftssystem, dessen Kapital längst keine Grenzen mehr kennt, dessen Steuern aber an Länder gekettet sind.

Wieso also wurden die Steueroasen in Panama oder auf den Cayman Islands nicht schon längst ausgetrocknet, wenn ein Großteil der Bürger solche Schlupflöcher offensichtlich für Betrug hält? Was ist so schwierig daran, eine solche Steuervermeidung zu verhindern?

Das Problem beginnt bereits dabei, das genaue Ausmaß zu beziffern. "200.000 Briefkastenfirmen klingen natürlich wahnsinnig viel", sagt Tobias Hentze, Steuerexperte beim arbeitgebernahen Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln. "Allerdings lässt das keine Rückschlüsse zu, wie viel Kapital sich dort wirklich befindet." Tatsächlich finden sich in den bisherigen Veröffentlichungen zu den Panama Papers wenige konkrete Zahlen, wie viel Geld hinter den Scheinfirmen steht. Bislang gibt es vor allem Indizien, aber wenig Belege.

Clemens Fuest, seit April neuer Präsident des Münchner Ifo-Instituts, schätzt, dass rund acht Prozent des weltweiten Finanzvermögens in Steueroasen geparkt sind. Das entspräche etwa 5,8 Billionen Euro. Andere Studien konzentrieren sich auf einzelne Unternehmen: Konzerne wie Apple, Ikea oder Starbucks stehen seit Langem in der Kritik, da sie gezielt Steuerschlupflöcher in Ländern wie Irland oder den Niederlanden ausnutzen. Ikea soll sich dadurch allein in den vergangenen sechs Jahren rund eine Milliarde Euro an Steuern in der EU gespart haben; ein Ausschuss im amerikanischen Senat bezifferte 2013 die entgangenen Steuereinnahmen durch Apples Firmenkonstrukte auf über 60 Milliarden Euro in vier Jahren.

Alles ganz legal

Vor allem US-amerikanische Technologiekonzerne nutzen Steueroasen aus, um in diesen Ländern Patente anzumelden. Gewinne aus diesem geistigen Eigentum – zum Beispiel in Form von Technologien für Smartphones – können dann in Panama deutlich günstiger versteuert werden als im Heimatland. Alles ganz legal. "Im deutschen Rechtssystem sind solche Gewinnverschiebungen für Unternehmen deutlich schwieriger", sagt IW-Forscher Hentze. Auch deshalb sind möglicherweise bislang kaum deutsche Unternehmen in die Panama Papers verstrickt.

Kritisch sieht Hentze die Vermischung von legalen und illegalen Steuertricks in der Öffentlichkeit. "Die große Gefahr ist, dass Personen oder Konzerne einen massiven Reputationsverlust erleiden, obwohl sie nichts Verbotenes getan haben." Sicherlich gebe es auch Fälle, in denen Schwarzgeld über die Briefkastenfirmen gewaschen werde. "Andere Personen haben lediglich das legale Angebot eines Staats angenommen. Juristisch ist ihnen nichts vorzuwerfen. Ist es in Ordnung, ihren Ruf jetzt so massiv zu schädigen?" Es sei schließlich eine politische Aufgabe, die Steuersysteme besser aufeinander abzustimmen und transparenter zu machen.