In Griechenland war das nicht anders. Die Besetzung des Syntagma-Platzes und die Netzwerke, die daraus hervorgingen, markierten erst so etwas wie den Beginn einer modernen Zivilgesellschaft in Griechenland. Alteingesessene Parteien fanden daran überhaupt keinen Anschluss mehr, aber auch organisierte Linksparteien wie Syriza mussten den Umgang mit den antihierarchischen Bewegungen erst lernen. "Das Phänomen Syntagma vertrieb aber den Pessimismus und die 'linke Melancholie', die sich über Griechenland gesenkt hatte", schreibt der linke griechische Philosoph Costas Douzinas. Alexis Tsipras' Wahlsiege sind die Folge davon.

Natürlich ist nicht gesagt, dass die Nuit-debout-Bewegung in Frankreich vergleichbare Resultate zeitigen wird. Vielleicht ist sie in einer Woche schon eingeschlafen, vielleicht aber auch nicht. Das lässt sich nie genau prognostizieren. Die Sozialistische Partei von Präsident François Hollande ist abgewirtschaftet, aber es steht keine modernere Linkspartei bereit, die sie kurzfristig beerben wird. Bei den nächsten Wahlen wird die konservative Rechte und die extreme Rechte die Unzufriedenheit für sich einnehmen können.

Sehr viele gemeinsame Muster

Was die Bewegungen zum Ausdruck bringen, ist der Verdruss an einer abgehobenen, technokratischen Elite, die aber nicht nur abgehoben ist, sondern nichts mehr zustande bringt. Die Bewegungen sind getragen von jungen Leuten aus der gut gebildeten Mittelschicht, die viele Skills haben, und eher der fluiden Kooperation als starren Apparaten vertrauen – sowohl in Alltag und Job wie in der Politik. Die auch genug haben von einer Politik, die niemandem mehr Hoffnung zu geben vermag. Das klingt jetzt klischeehaft, ist es aber nicht: Das sind, ganz schlicht, die Motive. Weder glauben die jungen Leute auf der Place de la République an die Vernünftigkeit eines simplen "weiter so", noch daran, dass Maßnahmen im Stile der Hartz-Reformen eine besonders smarte zeitgenössische Antwort seien. Und, was oft vergessen wird: Die Proteste spielen sich in einem Land ab, in dem nach zwei Terroranschlägen die Angst regiert und offiziell der Ausnahmezustand herrscht, ein Klima allgemeiner Bedrücktheit.

Bei allen Differenzen haben diese Proteste sehr viele gemeinsame Muster: Sie sind getragen von jungen Leuten, aus verschiedensten sozialen und auch ethnischen Milieus. Die linken Polit-Kader alten Typs sind nicht mehr dominant. Die Bewegungen sind sehr darum bemüht, keine Hierarchisierungen entstehen zu lassen und wollen neue Formen des Demokratischen ausprobieren, Formen, die nicht nur für Außenstehende oft mühsam anmuten. Es ist eine Demokratie-Party und es ist nicht immer klar, ob der Schwerpunkt jetzt auf Demokratie oder auf Party liegt.

Das elementare Muster des Protestes ist immer, sich auf maximal sichtbare Weise einen zentralen, symbolträchtigen Platz einfach zu nehmen, zu erobern. Keine großen Märsche, sondern Landnahme, verbunden mit dem Aufbau einer eigenen Infrastruktur. Bewegungen, die gewissermaßen eine Adresse haben, mit der sie verbunden sind. "Wir nehmen uns die Plätze", ist eine oft gehörte Parole. Das allein ist schon bemerkenswert: Es ist offenbar die globale Protestform unserer Epoche – das Besetzen von Plätzen. Tahrir-Platz in Kairo, Liberty Plaza in Manhattan, Admiralty-Platz in Hongkong, Gezi-Park in Istanbul, Syntagma, Porta del Sol und jetzt Place de la République.