Christoph Bautz reckt seine linke Faust in die Höhe. Es ist kurz nach 13 Uhr und hier im Herzen von Hannover zwischen Peek & Cloppenburg und der Staatsoper soll Bautz der Menge als letzter Redner noch einmal richtig einheizen: "Wir sind eine kraftvolle Bewegung!", ruft der schlaksige Mann in Funktionsjacke ins Mikrofon. "Wir sind vielfältig, und diese Vielfalt halten wir aus. Diese Vielfalt macht uns aus!" Dann zieht die Menge los, eher gemächlich als kraftvoll.

Für Bautz ist es einer seiner größeren Tage. Er ist quasi Berufsaktivist, 47 Jahre alt, graue Haare zum Jungengesicht. Als Geschäftsführer der Organisation Campact hat er maßgeblich dafür gesorgt, dass heute Tausende Menschen nach Hannover gekommen sind, um gegen TTIP und Ceta zu demonstrieren, die geplanten Freihandelsabkommen zwischen Europäischer Union und Nordamerika.

Den Termin haben sie sich bei Campact wohl überlegt: Morgen kommt US-Präsident Barack Obama in die Stadt, gemeinsam mit Bundeskanzlerin Angela Merkel wird er für TTIP werben. Für den Präsidenten ist TTIP ein Prestigeprojekt, für Bautz eine Gefahr für die Demokratie. Und weil gegen einen Mann mit dem Charisma Barack Obamas nur der Charme einer großen, bunten Masse helfen kann, steht Bautz heute vor einer vertrackten Aufgabe: Möglichst viele Menschen will er heute gegen TTIP auf die Straße bringen – ohne dass die falschen Leute mitlaufen. Vielfalt hat eben auch Grenzen.

"Es gibt durchaus die Angst, dass Leute mit antiamerikanischen Ressentiments die Demo kapern könnten", sagt Bautz noch am Morgen auf dem Weg zur Demo. Was, wenn plötzlich Pegida-Anhänger mit Transparenten voll fremdenfeindlicher Sprüche auftauchen? Wenn wie bei der letzten Anti-TTIP-Demo vergangenen Oktober in Berlin plötzlich Demonstranten einen Galgen, "reserviert" für Sigmar Gabriel, in die Höhe halten und ausgerechnet dieses Bild es in die Tagesthemen schafft?

Bautz' Sorgen sind nicht unbegründet. Und das liegt auch daran, wie seine Organisation Campact funktioniert: Der Verein, der sich selbst Bürgerbewegung nennt, hat sich auf professionalisierten Protest spezialisiert. Campact, gegründet 2004, mobilisiert Menschen vor allem über Appelle im Internet und organisiert langfristige Kampagnen zu ausgewählten Themen. In der Vergangenheit brachte Campact mehrere Zehntausend Menschen gegen Genmais auf die Straße, organisierte Massenproteste für die Agrarwende und gegen soziale Ungleichheit.

Campact agiert eigenständig und sucht sich für jede Kampagne eigene Kooperationspartner, die wie Greenpeace zu Fachthemen arbeiten. Für die ist Campact inzwischen ein mächtiger Mitspieler: Immerhin erreicht der E-Mail-Verteiler der Aktivisten inzwischen mehr als 1,8 Millionen Menschen. Doch weil Campact ungebunden ist und gleichzeitig mächtig, ist es für die Kampagnenprofis auch vergleichsweise schwierig zu steuern, wer sich ihrem Protest anschließt.

"Campact hat eine neue Art von Protest angestoßen", beschreibt es einer, der für einen Sozialverband schon oft eng mit Campact zusammengearbeitet hat. "Die Organisation selbst muss sich noch finden." 

AfD- und NPD-Anhänger sind "ausdrücklich unerwünscht"

Diesmal haben die Aktivisten vorgesorgt. Schon im Aufruf zur Kundgebung hieß es ausdrücklich, Anhänger nationalistischer Bewegungen wie AfD und NPD seien "ausdrücklich unerwünscht". Und zur Sicherheit haben sie 20 ihrer Ordner gesondert geschult: Freundlich, aber bestimmt sollen sie möglichen Störern zu verstehen geben, dass sie nicht willkommen sind. Und zur Not, meint Bautz, müsse man sich eben auf die Polizei verlassen.

Während Bautz dann seine Auftaktrede hält und sein Blick über die Menge schweift, kann er erleichtert sein: Mehrere Tausend Menschen sind gekommen, das ist auch ohne Zählung deutlich, und über ihren Köpfen wehen vor allem die schwarzen Flaggen mit "Stoppen Sie TTIP"-Aufschrift, die Bautz' Organisation Campact selbst verteilt hat. Dazwischen Transparente von Umweltverbänden und Gewerkschaften, den Grünen und Linken. Die Globalisierungsgegner von Attac fordern "Freie Liebe statt Freihandel" und die Umweltgruppe Wiedensahl hat das gut acht Meter hohe Modell eines Frackingturms aufgebaut – es dampft. Wenn hier eine Bewegung zusammengekommen ist, wie Bautz sie beschwört, dann trägt sie Outdoorrucksäcke und Gesundheitsschuhe und steht friedensbewegt-standfest auf dem Boden der parlamentarischen Demokratie.

Von deutschnationalistischen Slogans oder brennenden US-Flaggen also keine Spur. Aber dann sind da, ganz vereinzelt, Plakate mit Sprüchen wie "Obama go home" und Menschen wie Sonja und Michael. Das Ehepaar ist für die Kundgebung extra aus Nürnberg angereist. Sonja, 48, hat rosa Lippenstift aufgelegt, auf ihrem Transparent steht "Keine Verträge mit CIA und NSA" und "Ami go home". Michael, 61, trägt Hut und Mantel und ein Plakat mit der Aufschrift "Volksentscheid oder Revolution". Beide sind Mediziner, ihre vollen Namen wollen sie nicht in der Presse sehen.

Warum sie gegen TTIP sind? "Das amerikanische System, der Raubtierkapitalismus, wird immer weiter auf Europa ausgedehnt", sagt Michael. "CIA und NSA streben die Weltherrschaft an. Edward Snowden hat es bewiesen." Sonja hat auf Wikipedia gelesen, dass die wichtigen Medien in Deutschland alle von den USA gekauft sind: "Da sitzen dann Chefredakteure und Lobbyisten und denken sich gezielt aus, was das Volk erfahren soll." Seit der Ukraine-Krise schauen sie nicht mehr die Tagesschau, sondern den deutschen Kanal von Russia Today.

Irgendetwas zwischen 90.000 und 35.000 Teilnehmern

Gerade haben sie sich in Rage geredet, da kommen drei Ordner und bitten Sonja, ihr Plakat herunterzunehmen. "Von den Organisatoren ist keinerlei Antiamerikanismus gewünscht, das gibt nur Futter für die Gegner der Kundgebung", erklärt einer der jungen Männer in Warnweste. Er wirkt offensichtlich entwaffnend. "Ich versteh's", sagt Michael, und Sonja nimmt ihr Schild herunter. "Wir vertrauen den Veranstaltern", versichert Sonja. Bei ihnen scheint zu funktionieren, was sie bei Campact hoffen: Wer ihrem Aufruf folgt, der hält sich auch an ihre Spielregeln.

Für seine Worte zum Auftakt erntet Campact-Chef Bautz Lacher an richtiger Stelle und zum Schluss einen munteren Applaus. Dann zieht der Demonstrationszug in einer großen Runde um die Innenstadt Hannovers, viele Familien sind dabei. Nur wenige Mittzwanziger, dafür mehr ergraute Haare. Ein nicht unwesentlicher Teil der Demonstranten dürfte auch vor 20 Jahren schon auf die Straße gegangen sein, gegen Atomkraft.

Hier und da entwickeln sich Gespräche, lautstarke Sprechchöre kommen nicht auf. "Friedlich und hoffnungsvoll", beschreibt ein älterer Herr die Stimmung, "Ein bisschen Sonntagsspaziergang", sagt ein Jüngerer. Campact hat zwei Stelzenläufer in Kostümen organisiert: Die Europa auf dem Stier und die Freiheitsstatue, beide einträchtig gegen TTIP. Als um halb drei ein Sprecher von Campact durch das Megafon verkündet, es seien 90.000 Menschen auf der Demonstration, klatschen alle. Erwartet hatten sie 40.000.

Campact-Chef Bautz wird später erfahren, dass die Polizei nur 35.000 Teilnehmer gezählt hat. Die wahre Zahl wird irgendwo zwischen beiden Schätzungen liegen. Bautz fand es trotzdem "super". Es ist ihm und Campact wieder einmal gelungen, eine Masse zu mobilisieren. Und, zumindest für heute, rechte Kräfte fernzuhalten.