ZEIT ONLINE: Frau Wallach, wenn Barack Obama in dieser Woche nach Hannover kommt, werden auch Sie dort gegen TTIP protestieren. Was ist Ihre Botschaft an den Präsidenten?

Lori Wallach: Die deutsch-amerikanische Freundschaft ist eine gute Sache. Lasst sie uns nicht durch einen Freihandelsvertrag untergraben, der schädlich wäre für die Mehrheit der Deutschen und US-Amerikaner.

ZEIT ONLINE: Wie meinen Sie das?

Wallach: Wir hätten ein gutes Abkommen haben können, vorteilhaft für die Bevölkerung in beiden Ländern. Aber der Verhandlungsprozess wurde von den großen Unternehmen gekapert. Von den 500 offiziellen handelspolitischen Beratern, die auf US-Seite an den Verhandlungen teilnehmen, vertreten nur etwa 30 die Interessen der Gewerkschaften, der Umweltschützer, der kleinen Bauern oder der Verbraucher. Alle anderen kommen aus der Großindustrie. Das bedeutet: Die TTIP-Agenda ist darauf ausgerichtet, Ziele der großen Firmen durchzusetzen – und zwar jene Ziele, die die Unternehmen im normalen innenpolitischen, demokratischen Prozess nicht erreichen konnten. In Europa ist es das Gleiche.

ZEIT ONLINE: Geben Sie mal ein Beispiel.

Wallach: Nehmen Sie die europäische Chemikalienverordnung REACH. Wir hätten sie gerne für die USA übernommen. Davon hätten die US-Verbraucher etwas gehabt, denn die europäischen Regeln sind im Chemiebereich strenger als unsere. Auch im Datenschutz oder beim Umgang mit Nahrungsmitteln sind die Europäer besser. Die Regeln für den Finanzsektor hingegen sind von der US-Regierung nach der Krise verschärft worden, und auch die Medizinbranche ist in den USA strenger geregelt als in Europa...

ZEIT ONLINE: Sie wollten, dass TTIP die jeweils strengeren Regeln als Basis für alle Vertragspartner setzt?

Wallach: Genau das war das Ziel von Verbraucherschützern und Umweltorganisationen. Stattdessen ist das Gegenteil passiert. Und zugleich bringt TTIP kaum Vorteile für Wachstum und Arbeitsplätze.

ZEIT ONLINE: In den USA scheint das bisher aber nicht so viele Menschen zu stören. Wie passt das zusammen?

Wallach: Die meisten Amerikaner haben durch TTIP viel weniger zu verlieren als die Europäer. Sie leben eh schon mit schlechten Standards. Und sie denken, dass aus TTIP sowieso nichts werden wird. Erinnern Sie sich noch an TAFTA? Das war Ende der 90er Jahre die Abkürzung für die damals geplante transatlantische Freihandelszone. Damals hat das Thema die Leute sehr bewegt. Und dann starb das Projekt, weil Europa nicht auf seine höheren Schutzstandards verzichten wollte.

ZEIT ONLINE: Was glauben Sie, kommt TTIP?

Wallach: Im Moment sehe ich nur geringe Chancen auf Einigung. In Deutschland steht die Öffentlichkeit zum Beispiel den Investor-Staat-Gerichtsverfahren viel zu kritisch gegenüber. Die Folge davon ist, dass die kommerziellen Lobbyisten aus den USA ausgerechnet die Art von Regeln nicht durchsetzen können, auf die es ihnen ankommt. Ein weiteres Beispiel: Die US-Agrarwirtschaft will lieber gar keinen Vertrag als einen, der das Verbot von genmanipulierten Organismen in der EU beibehält und Europa auch nicht dazu zwingt, sich für ihre Fleischexporte zu öffnen.

ZEIT ONLINE: Die Regierung verhandelt trotzdem weiter.