"Kommt 2030 das Rentenfiasko?", fragte der Caritas-Verband am 30. Mai auf Twitter. Unter dem Hashtag #Altersarmut lieferte er gleich die Antwort seines Generalsekretärs Georg Cremer mit. Ausgerechnet von ihm lautete sie ganz klar: "Nein". Panikmache lehnt der Caritas-Mann trotz oder gerade wegen der zahlreichen Horrorschlagzeilen der vergangenen Wochen ab. So hatte der WDR kürzlich berechnet, dass nahezu jeder zweite Deutsche, der 2030 in Rente geht, zusätzlich auf staatliche Grundsicherung angewiesen sein werde und damit arm sei. Weil dem Sender bei seiner Diagnose zahlreiche handwerkliche Fehler unterliefen, schlug den Verantwortlichen viel Kritik entgegen

Das Rheinisch-Westfälische Institut für Wirtschaftsforschung verlieh gar den Titel "Unstatistik des Monats" und korrigierte die drastische Prognose von 50 Prozent auf etwa fünf Prozent. Auch der Wirtschaftswissenschaftler Axel Börsch-Supan sieht die drohende Altersarmut gelassener. Er ist Direktor des Max-Planck-Instituts für Sozialrecht und Sozialpolitik, sitzt unter anderem im wissenschaftlichen Beirat des Wirtschaftsministeriums und sagt im Gespräch mit ZEIT ONLINE: "Ich rechne mit einer allmählich ansteigenden Altersarmut unter den über 65-Jährigen, eventuell mit einer Verdopplung von derzeit drei auf sechs Prozent." Bezogen auf die Gesamtbevölkerung läge die Armutsquote damit aber immer noch bei einem niedrigen Wert.

Die Zahl der Armen hat sich mehr als verdoppelt

Also alles nur Panikmache? Fest steht: Immer mehr Menschen können schon heute nicht von ihrer Rente leben. Selbst reiche Bundesländer wie Baden-Württemberg blicken einer wachsenden Armut gerade von älteren Menschen entgegen. In der Landeshauptstadt Stuttgart bekamen 2004 noch 2,7 Prozent aller Menschen über 65 Jahre eine Grundsicherung im Alter. 2013 schon bei 4,2 Prozent. Die Zahl der Menschen, die über 65 Jahre alt sind und Grundsicherung beziehen, hat sich seit 2003 von etwa 258.000 auf 536.000 mehr als verdoppelt. Zwar gibt es bezogen auf die Gesamtbevölkerung auch immer mehr Menschen, die über 65 Jahre alt sind (derzeit sind es bereits mehr als 21 Prozent). Aber auch wenn diese Entwicklung berücksichtigt wird, hat sich die Quote mehr als verdoppelt. Hinzu kommen immer mehr Menschen, die bereits vor 65 wegen einer bestehenden Erwerbsminderung auf Dauer ihren Lebensunterhalt nicht aus eigener Erwerbstätigkeit bestreiten können: Ihre Anzahl hat sich laut Statistischem Bundesamt seit 2003 von rund 180.000 auf inzwischen mehr als 500.000 sogar beinahe verdreifacht. Insgesamt bezog 2015 damit bereits mehr als eine Million Menschen Grundsicherung im Alter oder wegen Erwerbsminderung. 2003 waren es noch rund 440.000.

Vielleicht hat die Politik auch deshalb die Rente zu einem der großen Themen der kommenden Monate erkoren. Bundesarbeitsministerin Andrea Nahles will unter anderem eine sogenannte Lebensleistungsrente einführen, bei der Geringverdiener, deren Altersbezüge zu gering sind, bis oberhalb der Grundsicherung aufgestockt werden sollen.

Von der Linkspartei bis hin zur FDP herrscht überraschend Einigkeit: Altersarmut ist ein wachsendes Problem in Deutschland. "Deutschland ist viel ärmer, als ihr denkt, und es betrifft uns alle", schreibt beispielsweise der FDP-Fraktionsvorsitzende von Niedersachsen, Christian Dürr, in einem Beitrag für die Huffington Post. Die Linkspartei fordert die Regierung auf, angesichts der steigenden Zahl von Kindern aus Hartz-IV-Familien die Regelsätze zu erhöhen. Etwa jedes siebte Kind sei in Deutschland inzwischen von Hartz-IV-Leistungen abhängig. Besonders die Mitglieder solcher Familien gelten als gefährdet, irgendwann in der Altersarmut zu landen.

Trotz seiner Vorbehalte gegen übertriebene Panikmache sieht auch der Caritas-Generalsekretär Georg Cremer angesichts dieser Entwicklungen "Handlungsbedarf". "Ich bin dafür, dass wir noch einmal sehr ernsthaft darüber nachdenken, wie wir Menschen, die in zunehmendem Maße im Alter auf Grundsicherung angewiesen sind, zielgerichtet unterstützen können." Dazu sei ein höheres Rentenniveau beispielsweise nur bedingt geeignet. "Davon würden gerade Menschen mit einer gesetzlichen Rente unter Grundsicherungsniveau kaum profitieren." Sie würden dann vielleicht knapp über Grundsicherungsniveau landen, was die Lebenssituation aber kaum weniger prekär machen würde. Profiteure eines prozentual höheren Rentenniveaus wären vor allem Menschen, die eine ohnehin höhere Rente haben. Cremer sagt, es sei deshalb sinnvoll, Vermögensfreigrenzen für die Empfänger der Grundsicherung  im Alter zu erhöhen. Derzeit wird beispielsweise das angesparte Vermögen eines Riestervertrages zu 100 Prozent angerechnet. So gehe die staatliche Riesterförderung gerade an denen vorbei, die sie am dringendsten nötig haben, moniert Cremer.

Arm ist, wer nicht vorsorgen kann

Aber ist man nur altersarm, wenn man auf zusätzliche staatliche Sozialleistungen angewiesen ist? Die Deutsche Rentenversicherung rät: "Wenn Ihr gesamtes monatliches Einkommen durchschnittlich unter 773 Euro liegt, sollten Sie prüfen lassen, ob Sie Anspruch auf Grundsicherung haben." Wenn man also 780 Euro Rente bekommt, ist man schon nicht mehr arm? Für den Paritätischen Wohlfahrtsverband greift dieser Ansatz zu kurz. Die Grundsicherung sei nur als eine vorübergehende Leistung konzipiert, um Notsituationen zu überbrücken. Für eine dauerhafte Unterstützung sei sie zu knapp bemessen, heißt es im jüngsten Armutsberichts des Verbands. Der Paritätische errechnet seine Armutsquote deshalb mit dem relativen Armutsbegriff. Der Verband zählt dabei alle Personen, die in Haushalten leben, deren Einkommen weniger als 60 Prozent des mittleren Einkommens aller Haushalte beträgt. Er kommt damit bei über 65-Jährigen auf eine Armutsquote von inzwischen 14,4 Prozent