Erst vor wenigen Wochen gab es wieder einen dieser Momente, vor denen sich Jeffrey Hanset so fürchtet. Es hatte geregnet, der Boden war glatt. Als der 28-Jährige die Treppen zur U-Bahn hinunterlief, rutschte er aus. Er konnte sich gerade noch fangen. "Ich denke dann nicht, zum Glück habe ich mir nicht wehgetan, sondern zum Glück habe ich mich nicht verletzt, ich hätte keine Ahnung, wie ich das bezahlen sollte", sagt der blasse junge Mann mit sanfter Stimme bei einem Bier im New Yorker East Village.

Jeffrey Hanset ist aus Portland, dort hat er Französisch und Sozialwissenschaften studiert, danach unterrichtete er ein Jahr in Frankreich Englisch. Seit er vor drei Jahren nach New York gezogen ist, hat er zahlreiche Jobs gehabt, erst im Einzelhandel, später in Restaurants und Büros. Derzeit ist er Produktionsassistent einer Fernsehsendung. Er arbeitet Vollzeit, manchmal 16 Stunden am Tag. Trotzdem stößt Hanset finanziell schnell an seine Grenzen: Er gehört zu den 47 Prozent im Land, die laut einer Studie der US-Notenbank Federal Reserve im Notfall nicht in der Lage wären, 400 Dollar zu bezahlen, etwa für einen Arztbesuch oder eine Autoreparatur.

Es ist längst nicht nur ein Phänomen der working poor, jener sieben Prozent der arbeitenden Bevölkerung, die trotz eines Vollzeitjobs unter der Armutsgrenze bleiben. Selbst Menschen, die aufgrund ihres Einkommens eigentlich in einer sicheren Position sein sollten, seien es nicht, sagt Annamaria Lusardi, Ökonomin an der George Washington University School of Business. Auch sie fragte in einer Studie, ob die Teilnehmer im Notfall in der Lage seien, innerhalb von 30 Tagen 2.000 Dollar aufzutreiben. Das Ergebnis sah ähnlich aus: 40 Prozent der Befragten schlossen es ganz aus, 19 Prozent gaben an, dafür Besitztümer verkaufen oder einen Kleinkredit aufnehmen zu müssen. Selbst bei Haushalten mit einem Einkommen von 100.000 bis 150.000 Dollar war es noch fast ein Viertel.

Hypothekenanbieter machen die Geschäfte

Die Gründe dafür sind vielfältig. In den USA sei es grundsätzlich weniger üblich, große Summen zur Seite zu legen, erklärt Lusardi. Die Amerikaner verließen sich für größere Anschaffungen auf ihre Kreditkarten. Entsprechend lebten viele von einem Gehaltsscheck zum nächsten und hätten nur wenig Puffer für Notfälle. Die Schuld liegt dabei laut der Ökonomin nicht nur bei den Konsumenten. In den USA sei es schlicht einfacher, auf Pump zu leben, als zu sparen.

Vor allem vor der Krise hätten die Amerikaner fast einen unerschöpflichen Zugang zu Krediten aller Art gehabt, sagt Lusardi. "Es war ein Fass ohne Boden." Hypothekenanbieter machten mit der Vergabe von Darlehen riesige Geschäfte. Lange sei es üblich gewesen, eine zweite oder dritte Hypothek auf das Haus aufzunehmen. "Das Eigenheim ist in den USA eine Art Geldautomat", sagt die Ökonomin. Anbieter von Kleinkrediten mit oft zweistelligen Zinssätzen haben heute mehr Schaufensterfläche in den USA als McDonald’s und Starbucks zusammen.

Seit in den Achtzigern die Kreditgesetze gelockert worden sind, können Banken fast beliebig viele Kreditkarten herausgeben und über den Zinssatz nahezu willkürlich entscheiden. Heute hat fast jede große Einzelhandelskette ihre eigene Kreditkarte – und die wird aggressiv beworben. Die Folge: Umgerechnet hat jeder US-Haushalt rund 5.700 Dollar an Kreditkartenschulden, 38 Prozent der Haushalte mit einer negativen Bilanz sind mit mehr als 15.000 Dollar im Minus. Viele würden schon früh darauf trainiert, ihre wirtschaftliche Existenz auf Schulden aufzubauen, sagt die Expertin. Kommt es zum Ernstfall, ist der Kreditrahmen schon ausgeschöpft.