Am Sonntag war Muttertag, bei strahlender Sonne und frischem Wind. Die Familien, die den Tag draußen verbrachten, freuten sich über das gute Wetter. Die Produzenten konventionellen Stroms nicht. Denn an dem Tag wurde so viel Energie über Windräder und Solarpanels gewonnen, dass das große Angebot den Strompreis ins Negative drückte. Maximal 130 Euro pro Megawattstunde zahlten Kraftwerksbetreiber, um ihren Strom loszuwerden. 

Haben die Verbraucher etwas davon? ZEIT ONLINE beantwortet die wichtigsten Fragen.

Wie kommt es zu einem negativen Strompreis?

An der Strombörse in Leipzig entsteht der Preis für den kurzfristigen Stromhandel. Durchschnittlich lag er im Mai bei etwa 20 Euro pro Megawattstunde. Doch wenn das Angebot die Nachfrage übersteigt, wird er auch schnell negativ. Und wie am Muttertag hängt das Überangebot in der Regel damit zusammen, dass viel Strom aus erneuerbaren Energien gewonnen wird.

Die konventionellen Stromerzeuger sind nicht flexibel genug, um dann ihre Produktion herunterzufahren. Es kann sich für sie sogar wirtschaftlich rentieren, Geld für die Abnahme des Stroms zu zahlen, da es noch teurer wäre, die Stromproduktion zu drosseln.

Christoph Podewils von Agora Energiewende erklärt, dass für Braunkohle- und Kernkraftwerke zusätzliche Kosten entstehen, wenn die Stromproduktion heruntergefahren wird. So braucht ein Braunkohlekraftwerk Tage, um nach Abschaltung wieder im Vollbetrieb zu funktionieren. Und manche Wärmekraftwerke produzieren auch bei einem negativen Strompreis weiter, weil die Elektrizität für sie nur ein Nebenprodukt ist und sie die Wärmegenerierung nicht verringern wollen.

Für die erneuerbaren Energieproduzenten sind die Einspeisekosten grundsätzlich am geringsten, da sie praktisch keine Betriebskosten haben. Da ihnen eine feste Einspeisevergütung durch das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) zugesichert ist, bieten die Hersteller der Erneuerbaren trotz eines negativen Preises Strom an.

Profitieren die Verbraucher?

Für Endkunden hat der negative Strompreis keinen positiven Effekt auf die Stromrechnung. Haushalte bekommen in der Regel von einem größeren Versorger ihren Strom. Dieser deckt sich jedoch zwei bis drei Jahre im Voraus zu einem festen Preis mit einer prognostizierten Bedarfsmenge ein. Wenn der Preis nur für wenige Stunden negativ ausschlägt, hat das keinen langfristigen Effekt. Außerdem macht der Strom selbst nur einen kleinen Teil der Rechnung aus, denn die Verbraucher zahlen zusätzlich für Netznutzungsentgelte, die EEG-Umlage und Steuern.

Unter Umständen können negative Preise im Großhandel sogar zu Mehrkosten für die Endverbraucher führen. Das liegt an der besonderen Konstruktion der Förderung für Erneuerbare in Deutschland: Liegt der Strompreis im Großhandel unter dem Betrag, den die Ökostromproduzenten gesetzlich garantiert bekommen, gleicht die EEG-Umlage das aus. Je niedriger der Großhandelspreis, desto höher die EEG-Umlage – und die zahlen die Stromverbraucher. In den letzten Jahren war die Summe aus Börsenstrompreis und EEG-Umlage jedoch weitgehend konstant.

Wird es in Zukunft öfter negative Strompreise geben?

Felix Matthes, Forschungskoordinator für Energie- und Klimapolitik am Öko-Institut, geht davon aus, dass im Jahr 2025 der Strompreis etwa 1.000 Stunden im Jahr null oder negativ sein wird. In den folgenden Jahren werden es noch mehr Stunden sein, sagt er. Dann könnten auch die Endverbraucher die Folgen spüren und die niedrigen Großhandelspreise würden sich auch auf ihrer Rechnung zeigen.

Was bedeutet das für die Energiewende?

"Die negativen Strompreise sind das klare Signal, dass die Energiewende aus der Nische herauskommt", sagt Matthes vom Öko-Institut. "Die erneuerbaren Energien fangen gerade an, für einzelne Stunden das gesamte System des Strommarktes zu prägen."

Bisher konnte der Markt in den meisten Fällen eine hohe Einspeisung der Erneuerbaren ausgleichen. Der Anteil der konventionellen Kraftwerke, die flexibel reagiert haben, war dafür groß genug. Ein Tag wie der 8. Mai zeigt, dass aber bei einer zunehmenden Versorgung aus erneuerbaren Energien die fossilen Stromerzeuger noch flexibler werden müssen, damit es nicht öfter zu negativen Strompreisen kommt.