Die sozialen Verhältnisse in Deutschland sind ungerecht: Dieser Aussage stimmt eine große Mehrheit im Land zu. In einer repräsentativen Umfrage gaben 82 Prozent der Befragten an, dass die soziale Ungleichheit mittlerweile zu groß sei. Das geht aus einer Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hervor, die ZEIT ONLINE exklusiv vorab vorliegt.

Das Unbehagen ist weit verbreitet, auch Menschen mit hohem Einkommen teilen diese Meinung. Selbst Gutverdiener mit einem Nettohaushaltseinkommen von 4.000 Euro und mehr stimmen noch zu 76 Prozent der Aussage zu, dass die Ungleichheit zu groß sei.

Dieses Empfinden sei durchaus "als Reaktion auf die Entwicklung der Einkommens- und Vermögensverteilung" zu verstehen, schreiben die Autoren der Studie. Damit beziehen sie sich darauf, dass der Unterschied zwischen Arm und Reich in den vergangenen Jahren deutlich größer geworden ist. Das hat beispielsweise das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) in diversen Untersuchungen festgestellt.

Als eine Folge dieser Ungleichheit gilt, dass die Mittelschicht in Deutschland schrumpft: Nach Angaben des DIW konnten etwa zu Beginn der Achtziger Jahren noch etwa 65 Prozent der Einkommen zur Mitte gezählt werden, heute sind es fast zehn Prozent weniger.

"Hohe Zustimmungsraten überraschend"

Diese gesellschaftlichen Veränderungen scheinen auch Auswirkungen auf die Meinung der Menschen zu haben. In der Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung stimmt eine große Mehrheit von 76 Prozent der Befragten der Aussage zu, dass zu große soziale Ungleichheit der wirtschaftlichen Entwicklung schade. "Diese hohen Zustimmungsraten sind überraschend", schreiben die Autoren. Über lange Zeit sei in der Öffentlichkeit nämlich ein umgekehrter Zusammenhang hergestellt worden: Große Unterschiede zwischen Arm und Reich wirkten als Anreiz, mehr zu leisten und so auf einen sozialen Aufstieg hinarbeiten zu können. Offenbar aber machten die Menschen nun die Erfahrung, dass sich Ungleichheit entgegen aller Aufstiegsversprechen nur schwer überwinden lässt.

Was wäre dagegen zu tun? Seit einigen Monaten diskutieren Ökonomen und Politiker intensiv über Maßnahmen, die soziale Ungleichheit abzumildern.

Laut der Friedrich-Ebert-Studie befürworten nicht alle Bürger, die mit der Verteilung des Wohlstands unzufrieden sind, stärkere staatliche Eingriffe. Etwa 60 Prozent stimmen der Aussage zu, dass Leistungen beispielsweise im Rahmen der Arbeitslosenversicherung oder der Gesundheitsvorsorge zu mehr Gleichheit in der Gesellschaft führen könnten. Unter Wählern der CDU und FDP unterstützt dies nur eine knappe Mehrheit; unter den SPD-Anhängern sind es 64 Prozent.

Mehr Zustimmung gibt es hingegen für eine steuerliche Entlastung der mittleren und unteren Einkommen. 83 Prozent der Befragten befürworten das.

Wenn es jedoch darum geht, die Steuern für Privatpersonen mit hohem Einkommen und großem Vermögen zugleich zu erhöhen, lässt die Zustimmung nach – naturgemäß vor allem unter den Befragten, die über ein gutes Einkommen verfügen. Insgesamt sind noch 76 Prozent dafür.

Auf noch weniger Unterstützung stößt die Vorstellung, dass die Löhne und Gehälter der Erwerbstätigen steigen müssten, um die Ungleichheit zu senken. Gerade die Befragten, die ihre eigene wirtschaftliche Lage als sehr gut beurteilen, stimmen nur mit 59 Prozent zu.

Wie sollen soziale Sicherung und öffentliche Dienstleistungen in Zukunft besser finanziert werden? Auch danach wurde in der Studie gefragt. Die größte Zustimmung gab es dafür, höhere Steuern auf Vermögen einzuführen: 68 Prozent befürworten das. Für höhere Steuer auf Erbschaften hingegen gibt es keine Mehrheit, nur 47 Prozent sprachen sich dafür aus.

Dennoch zeigen diese Werte nach Ansicht der Sozialforscher eine klare Meinungstendenz. Und die laute: Wer von der wirtschaftlichen Entwicklung besonders profitiert habe, müsse "in stärkerem Maße in die gesellschaftliche Verantwortung" genommen werden.