Keiner verstand so recht, warum Hugo Chávez die Zeit umstellen ließ, wohl auch der Präsident nicht. Als der Revolutionsführer in Venezuela im Jahr 2007 live im Fernsehen erklären wollte, warum nun die Zeit eine halbe Stunde zurückgestellt werde, geriet er selbst durcheinander. "Wir werden die Uhren eine halbe Stunde vorstellen", kündigte er an. Das Gegenteil war der Fall.

Chávez' Nachfolger im Präsidentenamt, Nicolás Maduro, ist seit dem Tod des comandante vor drei Jahren keinen Millimeter von der Politik seines Ziehvaters abgewichen. Mit einer Ausnahme: Er schaffte die venezolanische Sonderzeit wieder ab. Seit Sonntag liegt Venezuela sechs Stunden hinter der Mitteleuropäischen Sommerzeit zurück. Doch momentan hat man eher den Eindruck, dass Venezuela ganze Jahrzehnte hinter die moderne Zivilisation zurückfällt.

In den vergangenen Wochen hatte der sozialistische Staatschef den Staatsbediensteten eine Zwei-Tage-Woche verordnet, freitags zum schulfreien Tag erklärt, und tägliche Stromabschaltungen in der Provinz eingeführt. Der Grund: Das Land mit den größten Ölreserven der Welt hat den Energienotstand erklärt. In dem riesigen Stausee El Guri im südlichen Bundesstaat Bolivar, der 70 Prozent des Strombedarfs Venezuelas abdeckt, ist nach einer langen Trockenperiode der Wasserpegel drastisch gesunken.

Keine Devisen für Importe

Frank Quijada ist die Diskussion um die neue alte Uhrzeit egal. Er hat dieser Tage ohnehin zu viel Zeit. Der 48-Jährige ist Gewerkschaftschef bei der Getränkesparte von Empresas Polar, dem größten Privatunternehmen Venezuelas. Das "Polar"-Bier mit dem Eisbären auf dem Etikett ist mit einem Marktanteil von 75 Prozent in Venezuela allgegenwärtig. In der Brauerei von Caracas bedient Quijada normalerweise eine Abfüllmaschine, doch die steht wie alle anderen Anlagen seit anderthalb Wochen still. Der Konzern hat seine Malz-Vorräte aufgebraucht, für den Import aus dem Ausland hat die staatliche Devisenbehörde aber kein Geld bewilligt.

2003 führte die Regierung im Stile sozialistischer Planwirtschaft ein kompliziertes Wechselkurssystem ein, mit dem Ziel, die Geldflucht ins Ausland und damit die Inflation einzudämmen. Trotz ständiger Anpassungen war das Modell kein Erfolg. Ganz im Gegenteil: Für dieses Jahr erwartet der Internationale Währungsfonds (IWF) eine Inflationsrate von über 700 Prozent.

Wie die Polar-Bierbrauer haben Tausende Privatunternehmer in den vergangenen Jahren aufgegeben. Die Industrieproduktion ist drastisch eingebrochen, für die Importe fehlt das Geld. Die Folge: Viele Lebensmittel und Medikamente sind knapp. Die sozialistische Regierung sieht bei den Unternehmern die Schuldigen. Sie wirft ihnen vor, Waren zu horten, um so die Preise zu treiben. "Wir befinden uns in einem Wirtschaftskrieg", glaubt auch Quijada.

Es mangelt an allem

Gabriela Pérez hält solche Argumente für reine Ablenkungsmanöver. Die 29-jährige Ingenieursstudentin machte früher mit ihren Mitstudenten von der Zentraluniversität in Caracas Wahlkampf für die sozialistische Einheitspartei PSUV. "Inzwischen bekomme ich Depressionen, wenn ich an das Chaos denke, in das uns die Regierung gestürzt hat." Kaffee, Windeln, Toilettenpapier und viele andere Produkte seien einfach nicht mehr erhältlich, sagt Pérez. Vor einigen Tagen nahm sie ihren dreijährigen Sohn in den Supermarkt und zeigte ihm das leere Regal, wo sonst die Windeln auslagen. "Dann habe ich ihm erklärt, dass er von nun an aufs Klo gehen muss."

Um ihren Kühlschrank zu füllen, haben die Venezolaner zwei Alternativen. Entweder Schlange stehen, falls doch mal eine Lebensmittellieferung eingetroffen sein sollte, oder aber teuer auf dem Schwarzmarkt einkaufen. Selbst das Fertigmehl, mit dem die überaus populären Maisfladen zubereitet werden, ist inzwischen Mangelware. "Der staatliche regulierte Preis liegt bei 19 Bolivares Fuertes, auf der Straße muss ich dafür bis zu 1.500 Bolivares Fuertes hinlegen", sagt Pérez.